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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Christliche Architektur. Basiliken.

in Übung sind und während die verfügbaren antiken Säulen u. s. ' vbereits auf das Empfindlichste abnehmen. Die einzige wesentliche Ver'Änderung in dieser langen Zeit besteht in einem starkem Verhältnis 9der Höhe zur Breite in den römischen Basiliken des zweiten Jahrtau'sends. Rom überliess es dem Ausland, aus dem grossen urchristli'chen Gedanken des perspectivischen Langbaues die weitern Conse'quenzen zu ziehen. Nach einer Reihe von Umbildungen, die in defKunstgeschichte zuerst nach Jahrhunderten, später nach Jalirzehndeönachzuweisen sind, ging aus der Basilica ein Kölner Dom hervor.

Wenn nun aber auch dieser Bauform jede eigentliche Entwick'lung fehlt, wenn sie die antiken Überbleibsel in einem ganz andernSinne aufbraucht als für den sie geschaffen sind, so giebt sie dochgrosse, einfache Motive und Contraste. Die colossalo halbrunde Niseh®als Abschluss des quadratischen Ganzen und des langen geraden Haupt'Schiffes hatte vielleicht in keinem antiken Gebäude so hochbedeutendwirken dürfen. Überdiess lernt man den Werth grosser antiker Colon'naden, welche ja fast sämmtlich diesen und ähnlichen Zwecken auf'geopfert wurden, geradezu nur aus den christlichen Basiliken kennen-Wer Sanct Paul vor dem Brande mit seinen vier Reihen von je zwan'zig Säulen phrygischen und numidisclien Marmors gesehen hat, ver'sichert, dass ein architektonischer Anblick gleich diesem auf der Wehnicht mehr vorhanden sei.

Nicht unwesentlich für die Grössenwirkung erscheint es auch, dassalle Zierbauten im Innern, der Altar sammt Tabernakel, die Kanzeln;Pulte u. s. w. ziemlich klein gebildet wurden, d. h. nicht grösser al 9der Gebrauch es verlangte. Die Decoration der Barockzeit glaubt®diese Stücke in einem vermeintlichenVerhältniss zu der Grösse desBaues bilden zu müssen, während sie doch nur zu der Grösse desMenschen, der sie bedienen, besteigen etc. soll, in einem natürlichenVerhältniss stehen. Berninis Riesentabernakel in S. Peter, die Riesen'kanzeln im Dom von Mailand und andere Verirrungen dieser Art wer'den dem Reisenden nur zu nachdrücklich in die Augen fallen.

Von den Basiliken Roms zählen wir hier nur diejenigen auf, i®welchen das Ursprüngliche noch kenntlich vorherrscht.