Buch 
Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
Entstehung
Seite
104
JPEG-Download
 

104

Romanische Architektur. Thurm von Pisa .

Gliederung des Details wieder um einen Grad einfacher und das ronia^nische Capital mit seiner derben Blätterbildung hat entschieden da 3Übergewicht vor dem römischen. Der Composition nach ist dieseseinzige Gebäude eines der schönsten des Mittelalters. Das Princip

den sein. Dann ist gerade der Ausbau des Tiiurmes von Pisa ein immerhinsehr auffallendes Werk dieser Art ; die meisten Bauverwaltungen hätten denThurm, als er sich senkte, unvollendet gelassen oder auf bessern Fundamen-ten neu angefangen; der pisanische Übcrmuth aber liess sich auf das Schwie-rige und vielleicht damals noch Unerhörte ein.

Weit die meisten schiefen Gebäude aber sind es ohne Absicht dcSBaumeisters geworden, durch ungenügende Fundamente. Das Pilotiren, alseinzige Sicherung bei morastiger oder sonst bodenloser Beschaffenheit derErde, scheint nur ungleich und allmälig aufgekommen zu sein; die Frühemmachten sich auf die Senkung des Baues unter solchen Umständen gefasstund kamen dem Schaden durch Dicke der Mauern, Verklammerungen u. s. w.zuvor. Einen sprechenden Beleg liefert noch Pisa selbst; der von N. Pisano erbaute Thurm von S. Nicola steht sehr merklich schief, allein doch lang®nicht schief genug, um als Werk der Kühnheit mit dem berühmten Campa-nile wetteifern zu können, welches schon als Gebäude so viel bedeutenderist; an eine Absicht lässt sich hier nicht denken, wohl aber an eine Voraus-sicht, wie aus der starken Bildung des Maucrcyjindcrs hervorgeht. Ebenso** ist am Dom von Modena die wahrhaft bedrohlich aussehende Neigung desganzen Hinterbaues gegen den ebenfalls geneigten Campanile offenbar eineunabsichtliche, nur dass der letztere allerdings mit Rücksicht auf diesen Uni-i stand ausgeliaut sein mag. (Dagegen stehen Dom und Baptisterium in Par-ti ma völlig lothrecht.) Ain Dom von Ferrara neigt die Fassade nicht un-bedeutend vor, gewiss gegen den Willen des Baumeisters.

Kunstgcschichtjich viel wichtiger wäre die Ansicht Försters über denZusammenhang des pisanischcn Schiefbaues mit den Ungleichheiten derVermessung, schrägen und krummen Banlinien, unentsprechenden Inter-vallen etc.; in all diesem spreche sich nämlich eine Scheu vor dem Mathe-matischen, vor der völligen Gleichförmigkeit aus; cs seien diess :die unbe-holfensten Aeusserungen romantischer Bestrebungen. Da man an' griechi-schen Tempeln (vgl. S. 5) etwas Analoges unbedingt zugeben muss, so hatdiese Annahme etwas sehr Anziehendes. Ich glaube indess die betreffendenPhänomene anders erklären zu müssen, und zwar nicht durch Mangel an Ge-schicklichkeit wovon an den edeln pisanisclien Bauten keine Rede seinkann sondern durch eine dem frühem Mittelalter eigene Gleichgültig'keil gegen das mathematisch Genaue. Letzteres verstand sich durchausnicht immer so von selbst wie es sich jetzt versteht.