von der Schreibart. rzl
§- ' 9 -
Die Briefschreibarr, oder die epistolische, die manauch mit dem allgemeinen Namen der unterredenden be-legen kann, weil sie nicht allein gebrauchet wird, wenn manGesprächsweise schreibt; sondern weil auch die Briefe selbstUnterredungen der Abwesenden sind, ist von der historischenSchreibart darinnen unterschieden, daß alles, was man er.zehlet oder vortragt, an eine gewisse Person gerichtet wird,an die man schreibt, oder mit welcher man sich unterredet.Diese Person muß man nie außer Augen verlieren; sonderndie Erzehlung beständig an sie richten, oder die vorzutragen-den Sachen, Gründe und Umstände ihrem Urtheil und Er.messen überlassen. Da man so wohl in denen Angelegenhei-ten großer Herren, als bey Glückwünschungen und andernGelegenheiten Briefe zu schreiben pssegek, in welchen weit-läuftige Materien abgehandelt sind; so wird hierwider garöfters gefehlet. Man liefet öfters verschiedne Blätter, eheman die geringste Spur findet, daß der Verfasser seine Er-zehlungen und Gedanken an jemand richtet, und man ver-gißt gänzlich, daß es ein Brief ist, den man liefet. Über-haupt sind weitläuftige und tiefsinnige Materien nicht allzuwohl geschickt, in Briefen vorgetragen zu werden. DieBriefschreibart verträgt übrigens am allerwenigsten, daß siemit der witzigen oder beweglichen Schreibart untermischetwird , es sey denn unter guten Freunden und in sehr we.nigen Fällen.
I 2 §. 20.
mand auf diese Art an die Geschichte wagen wollen; in,dem solches, wenn man neue Begebenheiten beschreibt,gewisser Maaßen gefährlich seyn würde. Allein wir ha-ben nunmehro an denen Anmerkungen zur Geschichte desHauses Brandenburg ein erhabnes Beyspiel hiervon: undman mag von denen historischen Schriften des Herrn vonVoltaire urtheilen was man will; so ist es gewiß, daßseich Jahrhundert Ludwig des vierzehnden, voller Einsicht,Vernunft und vortreflicher Gedanken ist, daß man es de-nen besten Geschichtsbüchern der Alten mit Recht an dieSeite setzen kann.