-84 Zweyter Theil, zweytes Hauptstück,
geschätzt, hochgeehrt gebrauchet; auf Seiten seiner aber undbey allen Bitten oder Ersuchen, sich der Beywörter unterthä-nigst, ehrerbietigst, demüthigst, gehorsamst, ergebenst bedienet.Die Beschaffenheit des Standes sowohl auf der einen alsandern Seite muß uns den richtigen Gebrauch dieser Curialienan die Hand geben. Die gemeine Regel ist, daß in Briefenan Personen hohem Standes, Gnade, Gewogenheit und un-terthänigst, bey gleichen, Ehre und gehorsamst, und bey ge-ringern, gute Freundschaft und ergebenst, odcrWörter, diemit diesen gleichgültig sind, statt finden. Auch gehöret zuden Wohlstandsbczeugungen, daß man im Deutschen nichtgern daö Vorwort Ich in der Benennung deö andern vor-setzet, wenn es geschehen kann, ohne der Wortfügung Gewaltanzuthun; wie man denn die Perioden, am allerwenigstenaber den ganzen Brief, nicht gern mit Ich anfangt. (*)
§. n.
Die Titulaturen gründen sich auf den wohlanständigenGebrauch der Welt und die eingeführte Gewohnheit. Da-her» verändern sie sich mit den Zeilen; wie denn auch vorohngefahr hundert Jahren dasjenige die Titulatur der Chur.fürsten war, was o kaum ein Gräflicher Titel ist. Sie ver-ändern sich auch mit dem Amce und Stande: wannenheroman sich um die Umstände desjenigen bekümmern muß, anwelchen man schreibet. Mann kann aber die Titulaturen derBriefe in die innern und äußern eintheilen. Die innern be-stehen in der Anrede, kn dem Ehrenworte, so im Concertegebraucht wird, und in der Ehrenbezeugung bey der Unter-schrift.
(*) So lächerlich es mir scheinet, .der natürlichen WortfügungGewalt anzuthun, um zu vermeiden, daß man sich einem vor-nehmen Corrcipendenten nicht vorsetzet; so kann ich dochauch einigen Franzosen nicht Beyfall geben, die sich über diesezu hoch getriebene Höflichkeit der Teutschen lustig machen.Wenn es der Eigenschaft ihrer Sprache nicht gemäß ist,dieVoranssetzung des Ich zu vermeiden: so gehet es in derunsrigen meiflenthcils gar wohl an, ohne der'Sprache undder natürlichen Verbindung der Worte Gewalt anzuthun.