Buch 
Biblia, das ist, die ganze Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, aus den Grundsprachen treulich wol verteutschet / mit dienstlichen Vorreden, begreiflichen Abtheilungen der Capitel, vielen Auslegungen und Nuzanwendungen, auch genauer Anmerkung der Parallelstellen, und nothwendigen Concordanzen, herausgegeben durch Johann Caspar Ulrich, Pfr. zum Frau-Münster
Entstehung
JPEG-Download
 

126

Das Buch Esther.

den, den die geringste Untersuchung sauer ankörnt? bey einem Herrn, der voneinem seiner dicner regiert wird, der ihm seine schwäche abgelernet hat, undder das auf ihn gesezte vertrauen schändlich mißbrauchet?

O GOtt/ erhalte uns unsere gnädige, liebe landesvater, und laß uns,unter ihrer liebreichen und gütigen regierung, ein stilles leben in aller gott-seligkeit und ehrbarkeit führen!

Das IV. Capitel.

1. Mardochai, und alle übrige Juden, werden auf den wider sie ergange-nen »nördlichen befehl sehr betrübet, i -;. n. Schiket der Esther eme ab-lehnst des gebots, und begehret, daß sie den könig für ihr volk bitte. 4-8.Hl. Esther weigert sich erstlich wegen der gefahr: auf Mardochar anhaltenaber, bewilliget sie: doch dergestalt, daß die Juden, durch eine allgememefasten, die erhaltung ihres lebens GOtt befehlen, s-17.

NUN Mardochai erfuhr alles, was geschehenwar, zerriß Mardochai seine kleider, und legte einen sak an und asche^und gieng hinausimrren in die stadt, und schrye laut und bitterlich:

2. Und kam für das thor des konigs: wiewol esniemand gezimmete zu des königs thor einzugehen, dereinen sak anhatte.

z. Gleicher gestalt war in allen landern, an welchenort des königs Wort und gebot gelanget, unter den Ju-den ein großes klagen, und fasten, und weinen, und leidtragen, und viel lagen in Wen und in der asche.

In dieser noth mögen die Juden wol sonderlich an den ihnen versproche-nen Heiland fleißig gedacht, dessen ankunft gewünschet, und herzlich geseufzethaben : Ach, daß du den Himmel zerrissest, und herabfliegest!

ii. 4. Da kamen die auftvärrerinen der Esther, undihre kammerer, und sagten es ihr. Da bekümmertesich die königtn sehr. Und sie sendete kleider, daß sieMardochai anzog, und seinen sak von sich ablegte;er aber nahm sie nicht.

Das stets währende Verständniß, welches heimlich zwischen Esther undMardochai unterhalten worden, konnte nicht zulassen, daß fein öffentlicherknmmer lang vor ihr sollte verborgen geblieben seyn; die Nachricht, daß erim sak einher gehe, bekümmerte sie, ehe sie noch die eigentliche ursach hie-ven wußte. Gerne wollte sie diesem ihrem pflegvater seinen sak in ein seidenkleid verwandeln, aber er nahm es nicht an, um dadurch zu verstehen zu ge-ben , daß seine traurigkeit außerordentlich sey, und auch einen ganz ausser»ordentlichen gründ habe.

Da rufte Esther dem Hathach, s einem ^ unterdes königs kammerern, den er für sie bestellt hatte, undbefahl ihm an Mardochai, daß er erführe, was daswäre, und warum er also thäte.

6 . Da gieng Hathach zu Mardochai hinaus an diegaffe in der stadt, die vor dem rhor des königs war:

7. Und Mardochai sagte ihn: alles, was ihm begeg-net wäre: und die summ des silbers, das Haman ver-sprochen hat in des königs schazkammer darzuwägenum der Juden willen, sie zu vertilgen:

8 . Und gab ihm die abstbrift des gebots, das zuSusan angeschlagen war, sie zu vertilgen, daß er esder Esther zeigete, und ihr sagte: ja ihr geböte, daß:sie zu dem könige hinein gienge, und eine bitt an ihnthäte, und ihn um ihr volk ersuchte.

Die fromme königin ist über das verhalten des Mardochai bestürzt, sen-det derhalben den Hathach, einen getreuen diener, um nachfrag zu haltenvon dieser unheilsamen schwermüthigkeit. Mardochai erzehlet diesem die ganzefach umständlich, und läßt durch denselben seinem gewesenen pflegkind befeh-len , bey dem Ahasiierus um ihres Volks leben anzuhalten.

III. y. Als nun Hathach hinein kam, sagte er derEsther die worce Mardochai.

iO. Da sprach Esther zu Hathach, und gebot ihman Mardochai s also:ü

n. Alle knechte des königs, und das volk in den län-dern des königs wissen, daß, wer in den innern Hof zumkönig hinein geht, er sey mann oder weib, der nichtberufen ist, der soll straks gebots sterben: es sey dann,daß der könig den güldenen scepter gegen ihm ausstrckc,daß er lebendig bleibe: ich aber bin nun in dreyßig ta-gen nicht berufen worden zum könige hinein zukommen.

Die erhaltene betrübte zeitung machte die königin ganz bestürzt, beson-ders , da sie nichts als Unmöglichkeit vor sich sah, so wol ihrem vetter,als auch ihren glaubens-brudern, zu hülfe zu komrnen. Sie bedörfte nichtsmehr, als das, was alle diener und Unterthanen des königs zuvor genug-sam wußten, dem Mardochai zu gemüthe führen zulassen, daß das Persischegesez es für nicht weniger, als für eine todtjunde hielt, wenn ein mensch unge-rufen sich in den innersten sal des konigs dringen würde. Nichts, als derausgestrekte scepter konnte einen so vermessenen Übertreter vom grabe erretten.Was sie anbelangete, so wäre sie schon bey dreyßig tagen nicht zum königberufen worden; eme Unterlassung, welche billig nicht die beste bedeutung ha-ben könnte. Deswegen könne sie wol diesen bestirnten unglükseligen tag ih-res volks beweinen, abhelfen aber könne sie demselben nicht.

Lap. z. 4- 5.' __

12. Und als die Worte der Esther dem Mardochaiangesagt wurden:

iz. Hieß Mardochai der Esther wieder sagen: Ge-denke nicht, daß du dein leben vor allen Juden aussinn dem Hause des königs erretten werdest.

14. Dann, wann du zu dieser zeit gar dazu schweigenwirst, so wird den Juden eine erquikung und erret-mng aus einem andern orte entstehen: du aber, unddas Haus deines vatcrs werden umkommen. Und werweißt, ob du um solcher zeit willen, wie diese ist, zumkönigreich kommen bist?

Mardochai kan auf die untröstliche antwort der Esther die fache noch nichtaufgeben. Dieser zustand erforderte ein ander gemüth und mehrere herzhaf-tigkeit, welche durch eine mehr bewegliche gegenantworl mußte crwckt »Ver-ven. Erläßt ihr also sagen: Meine base, du fürchtest, du müssest sterben,wenn du für uns bittest; aber must du nicht sterben, wenn du nicht bittest?weg mit dieser furchtsamen weichherzigkeit, welche unwürdig ist einer Israe-litin , unwürdig einer königin; und sollte auch solche weichherzigkeit deinelippen Verschlüssen, so wisse, daß doch GOtt sein volk nicht verlassen wird,der Heilige in Israel »vird eher vom Himmel wunder thun, ehe dieses seinerbtheil von der erde soll ausgereutet werden: und wie gerecht wird es dennseyn für den eifrigen GOtt, räche über dich und über deines vaters Haus, die-ser kaltsinnigen verlaffung seiner bekümmerten kirche halben, zu üben? Es hatdem Allmächtigen gefallen, dich so hoch zu erhöhen, kanst du nicht geden-ken, daß es der HERR darum gethan habe, daß du seine arinc kirchemöchtest von dem äussersten Untergang erretten?

O des wundersamen glaubens Mardochai, welcher durch alle diese Wol-ken durchscheinet, und unter dem dikften ungewitter einen schlichen strahlder erlösung ausfindet; er sah den tag ihrer allgemeinen vcrdcrbuug bestim-met , er wußte, daß die geböte der Perser unveränderlich waren; doch glaubter, GOtt werde die blutigen schlösse der feinde seiner kirche »vol zuvereite-len wissen. Dieses ist der sieg, der alle furcht und das rasen der weit über-windet, ncmlich unser glaube. 1J0H. z: 4.

15. Und Esther hieß den: Mardochai antworten^

1 6 . So geh hin, versamle alle Juden, die zu Su-san vorhanden sind, und fastet für mich, daß ihr nichtesset noch trinket in dreyen tagen, weder bey tag nochbey nacht. So will auch ich und meine mägde also fa-sten, und will ich also zum könig hinein gehen, widerdas gebot: Komme ich um, so komme ich um.

17. Mardochai gienge hin, und that alles, wasihm Esther geboren harre.

Die Worte des Mardochai hatten der Esther so ein neues leben gege-ben , daß sie muthig ist in GOttes namen und unter seinem erbetenen bey-stand ihr leben darauf zu wagen.

Das V. Capitel.

1. Esther, königlich bekleidet, stellet sich vor dem könig: Der erzeigt sichfreundlich gegen ihr. i-;. n. Esther bedienet sich des anlascs, und des-wegen , auf gethane Versicherung von dem könig aller königlichen gnade, bit-tet sie denselbigen neben Haman zum andern mal zur Mahlzeit zu kommen. 4-8.in. Weil Mardochai dein Haman nicht ehr anthun will, wird Haman, obempfangener freude ab der Esther einladung zur Mahlzeit betrübet, deswegen erauch, mit rath seiner freunde, den Mardochai, an einem hohen, zu demende aufgerichteten, galgen zu erhenken, ihm vorgenommen. 9-14.

am dritten tage zog sich Esther königlich an,und stuhnd in dem innern Hof am Haufe deskönigs, gegen dem Hause des königs. Und derkonig saß auf seinem königlichen stuhl, im königlichenHause, gegen der tbür des Hauses.

Die drey tage des fastens sind vorüber, nun verändert die Esther ihrekleider, und geht mit einem überwindenden vertrauen in den innersten salund wirft sich vor dem könig nieder, als wollte sie sagen: Hie bin ich mit mei-nem leben in meiner Hand; Vasthi, meine vorfahrin, verlohr ihre stelle, da sienicht kam, als sie gerufen war, Esther will nun den Verlust ihres lebens wagen,indem sie kömmt, da sie nicht gerufen wird.

Ach, mein leser , wie ein seliges, wie ein leichtes, wie ein sicheres dingist es, mit dem könige des Himmels zuthun zu haben, welcher'ihm unsernzutritt zu ihm so wohl gefallen läßt, daß er uns selber dazu auffordert!

2. Und als der könig die königin Esther sah im Hofstehen, fand sie gnade vor feinen äugen: dann der kö-nig strekre den güldenen scepter in seiner Hand gegenEsther. Da trat Esther hinzu, und rühme den spizdes scepters an.

3. Da sprach der könig zu ihr: Was ist dir, köni-gin Esther? und was forderst du? Auch der halbetheil des königreichs soll dir gegeben werden.

ii. 4. Esther sprach: Gefallet es dem könig, so kom-me der könig und Haman heut zu dem mahl, das ichihm zugerichtet habe.

5. Der könig sprach: Eilet, daß Haman thüe, wasEsther gesagt hat. Als nun der könig und Haman zudem mahl kamen, welches Esther zugerichtet hakte:

Als Ahasuerus die königin gegen die furcht, in eine todesstrafe zu fallen,sicher gemachet hakte; so gab er ihr durch einen ausschweifenden ausdruk,

derglei-