CX Lebens-Beschreibung.
Der Abschied war gewiß einer der traurigsten und zärtlichsten, denman sich von so nahen 'Anverwandten vorstellen kan; und dieses umso mehr, als man sich auf beyden Seiten schwerlich die Hofnung zueiner solchen Wiederzusammenkunfft weiter machen konte. Unter-wegens fanden wir, auf unsrer Rückreise, zu Soldin, den ehmahligenHofmeister des Freyherr» von Canitz, den acht und achtzig jährigengeheimen Cammer-Rath von Weiß, welcher daselbst als ein Christli-cher Weltweiser sein Leben in der Stille zu beschließen, sich vorgesetzthatte. Wir wollen ihm schon auf unsrer Hinreise zusprechen, es waraber bereits allzu spät in der Nacht, als wir daselbst ankamen. Deß-wegen hinterließ ich ein paar Zeilen an ihn, worin ich ihm meldete, daßwir uns zwar diesesmahl ein Gewissen machten, ihn bey seinem hohenAlter, zu so ungewöhnlicher Zeit, aus seiner Ruhe zu stören; Ich könteihmabernicht gutdafürseyn, daß wir eine gleiche Mäßigung unsersVerlangens behalten würden, wann auch gleich unsre Zurückkunfftbey eben so später Nachtzeit eintreffen solte, weil wenigstens ich mir esnimmermehr würde verzeihen können, fals ich diese Gelegenheit ver-säumte, demjenigen meine Ergebenheit mündlich zu bezeigen, aus des-sen Briefwechsel ich so viel Vergnügen geschöpfft, und den ich so wohlwegen des Freyherr» von Canitz, als wegen seiner eigenen Verdienste,bisher so hoch verehrt hätte. Darüber nahm er mit dem dasigen Post-meister die Abrede, daß man es ihm alsofort zu wissen thun solle, wannwir wieder kämen, es möchte noch so spät in der Nacht seyn. Wirwaren daher kaum aus dem Wagen abgestiegen, als er uns schon indem Posthause durch seine Gegenwart auf die annehmlichste Weiseüberfiel, ungeacht der Tag kaum angebrochen war. Wir fanden inihm zwar einen steinalten ehrwürdigen Greisen, klein und mager vonGestalt, aber dabey einen noch so muntern und liebreichen Freund inseinem gesprächsamen Umgänge, daß wir ihm unsre Verwunderungnicht verbergen komm; Massen ihm weder an seinem Verstände nochan seinen äusserlichen Sinnen weiter etwas abgieng, als daß man einwenig laut mit ihm reden müsse. Er beschwerte sich bey seinen vielenJahren über nichts sonderlich, als über den Mangel des Schlaffs, dener sich doch, ausser seinen täglichen Todesbetrachtungen, durch Lesung
sinn-