Paul Heyse.
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V.
Ich habe schon gesagt, dass Heyse als Dichter un-mittelbar von Eichendorff ausgeht. Wie der Held in seinerNovelle „Ein Abenteuer“, scheint er in seinen ersten Wander-jahren sich den romantischen „Taugenichts“ zum Begleitererwählt zu haben. Wo er in einer seiner Novellen (Lottka)sich selbst als Jüngling einführt, singt er in der Eichen-dorff'sehen Tonart, und man erkennt, dass er sehr früh dieromantischen Melodien mit seltener Geläufigkeit nachge-pfiffen. In der Sammlung romantischer Kindermärchen, dieer als Schüler unter dem Titel „Der Jungbrunnen“ heraus-gab, ist Musje Morgenroth ein leiblicher Bruder des be-rühmten Eichendorff sehen Helden. Das Buch ist die Arbeiteines Kindes, hat aber doch ein gewisses Interesse, da esden ersten Standpunkt des Dichters bezeichnet. Man siehtauch daraus, mit welchen Gaben er von Anfang an ausge-rüstet war: die knabenhafte aber nie geschmacklose Prosafliesst leicht, und die Verse, die bedeutend höher stehen,sind mit all’ ihren Nachklängen unaffectirt, sicher geformtund frisch. Er singt nach, aber er singt rein; es' ist die ge-wöhnliche romantische Tonart, aber mit jugendlicher Frischeund Anmuth angeschlagen. In den Flegeljahren naiv zuproduciren, heisst schon ein Phänomen sein, und die unge-wöhnliche angeborne Herrschaft über die Sprache sichertden dichtenden Schüler gegen Forcirtheit und Manier. Der,wie es scheint, vom Vater, dem bekannten Philologen, er-erbte Sprachsinn entwickelt sich bei dem Sohne zu einerSprachfertigkeit, einer Leichtigkeit, mit Worten und Rhyth-men umzuspringen, die schon im ersten Jünglingsalter nichtweit von Virtuosität entfernt war. Diese Schlegel’sche oderRiickert’sche Sprachfertigkeit bedingte als ein Grundelementin Heyse’s Begabung die übrigen Eigentümlichkeiten, die ernach und nach entwickelt hat. Er sang von Anfang an, nichtweil er mehr auf dem Herzen hatte, als alle Uebrigen, sondern