Buch 
Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
JPEG-Download
 

Paul Heyse.

3 1

Wille, oder als psychologische Merkwürdigkeit, sondern alsplastische Gestalt. Zu allererst hat er, nach meiner Auf-fassung, ganz wie der Bildhauer oder Gestaltenmaler, so-bald er seine Augen schloss, seinen Gesichtskreis mit Kon-turen und Profilen bevölkert gesehen. Schöne äussere Formenund Bewegungen, die Haltung eines anmuthigen Kopfes, einereizende Eigenthümlichkeit in Stellung oder Gang habenihn ganz auf dieselbe Weise beschäftigt, wie sie den bilden-den Künstler erfüllen, und sind von ihm mit derselben Vor-liebe, ja bisweilen fast mit technischen Ausdrücken wieder-gegeben worden. Und nicht nur der Erzähler, auch die auf-tretenden Personen fassen oft genug auf dieselbe Weiseauf. So sagt z. B. die Hauptperson in der NovelleDerKreisrichter:Dfe Jugend hier ist gesund, und das ist injungen Jahren die halbe Schönheit. Auch haben sie nochRace. Achten Sie auf die feine Form der Köpfe und diezarte Bildung der Schläfen, und im Gang und Tanz undSitzen die natürliche Amnuth 1 . Ein schlagendes Beispieldieser Art des Dichters zu sehen, findet man in der No-velleDie Einsamen, wo sein Missmuth*darüber, mit denMitteln seiner Kunst nur so unvollkommen malen zu können,folgendermassen zu Worte kommt:Nur den Umriss! wütheteer vor sich hin, ein paar Dutzend Linien nur! Wie sie aufdem Eselchen einhertrabt, das eine Bein über den Rückendes Thieres, flach und sicher ruhend, das andere mit derSpitze des Fusses fast den Boden streifend; und denrechten Ellenbogen auf das ruhende Knie niedergestützt, dieHand leicht unter dem Kinn, mit der Halskette spielend,das Gesicht hinausgewendet nach dem Meer; welche Lastschwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet roth darin; einKorallenschmuck nein, frische Granatblüthen. Der Windspielt mit dem lose angeknüpften Tuch; wie dunkel brenntdie Wange, und wie viel dunkler das Auge 2 !

1 G. W. VI, 40.

2 G. W. VI, 5.