Henrik Ibsen.
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Einzige, was gewiss, ist nur sein misanthropischer Blick [auf die Verlobungen und Ehen, welche rings um ihn her 'geschlossen werden. Ich entsinne mich eines Gesprächsmit Ibsen bezüglich dieser Komödie, das sich um dieLiebe zwischen Brautpaaren im Allgemeinen drehte. Ichsagte: „Es gibt kranke Kartoffeln und es gibt gesunde.“ |Ibsen antwortete: „Ich fürchte, ich habe niemals welchevon diesen Kartoffeln zu sehen bekommen, die gesundwaren.“
Indess zieht sich durch Ibsens Werke ein stets steigen- ]der Glaube an die Frau und eine stets entschiedenere Ver-herrlichung der Frau. Bisweilen tritt diese Verherrlichungsogar abstossend doktrinär hervor, z. B. wenn Solveig in„Peer Gynt“, in dem seit Goethe’s „Faust“ und Paludan-Müller’s „Adam Homo“ traditionellem Styl, durch ihre Liebedie — in diesem Falle wahrlich allzu unwürdige— Seele desGeliebten rettet; aber dieser Glaube an das Weib, durch wel-chen Ibsen gleichsam seine Geringschätzung des Mannes auf-wägen zu wollen scheint, ist immer vorhanden, und derselbehat eine Reihe schöner und wahrer Frauengestalten her-vorgebracht, wie jene Margretha in „Die Kronprätenden-ten“, die in wenigen Strichen in unvergänglicher Schönheitgezeichnet ist, oder jene Selma in „Der Bund der Jugend“,welche den ersten Entwurf zur Gestalt der Nora bildet.
Als diese Figur noch neu war, bemerkte ich in einer Kri-tik, dass dieselbe nicht genug Spielraum im Stücke habe,Ibsen solle ein ganz neues Schauspiel über sie schreiben.
Er that es in „Nora“.
Nach meiner Meinung war die sogenannte Emanci-pation der Frau im modernen Sinne Henrik Ibsen zu Be-ginn seiner Laufbahn durchaus nicht lieb und vertraut. ImGegentheil. Ibsen hat ursprünglich keine sonderlich grosseSympathie für die FYau. Es gibt Schriftsteller, die in sicheine Affinität mit dem weiblichen Wesen haben, ja bis zueinem gewissen Grade feminin angelegt sind. Zu diesen ge-hört Ibsen nicht. Ich glaube, er findet mehr Vergnügen