Henrik Ibsen.
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In jtingern Jahren hatte er einen Hang zu grossen Gedanken-bildern: Brand, Peer Gynt u. s. w.; doch merkwürdiger-weise wurden seine Gedanken, je mehr er deren hatte,desto klarer und seine Gestalten immer individueller. Ibsenstechnische Meisterschaft ist in den letzten Werken von Jahrzu Jahr gestiegen. In „Nora“ übertraf er die Technik derberühmtesten französischen Dramatiker, und in „Gespenster“legte er (trotz des Unbefriedigenden im Motiv des Asyl-brandes) im Dramatischen eine Sicherheit, Einfachheit undFeinheit an den Tag, welche an die antike Tragödie unterSophokles (Oedipus rex) erinnert.
Dieser stetige Fortschritt beruht auf Ibsens künstleri-schem Ernst, seinem gewissenhaften Fleiss. Er arbeitet äus-serst langsam, schreibt sein Werk W'ieder und wieder um,bis es in Reinschrift ohne jedwede Correctur vorliegt, jedeSeite glatt und fest wie eine Marmorplatte, an welcher derZahn der Zeit nicht nagen kann. Dies stetige Steigen inVollkommenheit beruht aber genau besehen wieder darauf,dass Ibsen einzig Dichter ist, nie etv'as andres sein wollte.Wohl mag es den Eindruck von Kälte und Verschlossen-heit machen, wenn ein Schriftsteller sich durch keinen äusse-ren Anlass jemals hinreissen lässt, sein Wort mit in die Er-örterung zu geben; wenn nichts, v’as geschieht, ihn zu einerMeinungsäusserung aufreizen oder begeistern kann. Die ein-zigen Zeitungsartikel, welche Ibsen in den letzten Jahrengeschrieben, waren solche, die sich auf seine Rechte gegen-über den Verlegern oder auf seine Rechtlosigkeit im Ver-hältniss zu seinen Uebersetzern bezogen, aber man darfnicht vergessen, dass diese kalte Zurückhaltung ihm ge-stattet hat, die Meisterschaft in seiner Kunst unverwandtvor Augen zu haben gleichwie seine fixe Idee, sein nieaus den Augen verlorenes Ideal — und er hat dasselbeerreicht. Man kann sich schwerlich einen grösseren Unter-schied denken, als zwischen diesem Dichter, der einsam,nach allen Seiten gegen die Aussenwelt abgeschlossen,drunten im Süden wohnt und, ohne sich durch irgend et-