Henrik Ibsen.
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Stoffen herauszuarbeiten vermocht; denn freier gestellt wieer war, losgerissen von der Heimath und mitten in derBrandung der Ideen der Gegenwart stehend, hatte er we-niger Hemmungen, die ihn davon zurückhielten, dem Rufseines Zeitalters zu folgen, weniger Naivetät und wenigerPietät. Aber der Unterschied bezüglich der Zeit, in welcherbeide Dichter von einer überwiegend romantischen zu einerüberwiegend realistischen Betrachtungsweise ihrer Stoffe ge-langten, beschränkt sich auf ein paar Jahre und ist ein ver-schwindender gegen die merkwürdige Uebereinstimmung inder Periodeneintheilung ihrer Dichterlaufbahn. Man kann,scheint mir, Björnson und Ibsen in dieser Hinsicht mit denbeiden altnordischen Königen Sigurd und Eystein verglei-chen, die in dem berühmten Gespräche, welches die Sageüberliefert, und das u. A. Björnson in seinem „Sigurd der.Kreuzfahrer“ benützt hat, ihre Verdienste gegen einanderaufstellen: Der Eine ist daheim geblieben und hat von hieraus sein Vaterland civilisirt; der Andere hat sich von derHeimath losgerissen, ist weit umher gezogen und hat aufseinen kühnen mühsamen Fahrten dem Vaterlande Ehregebracht. Jeder hat seine Bewunderer, Jeder sein streit-bares lleergefolge, welches den Einen auf Kosten des An-dern erhebt. Aber sie sind Brüder, wenn sie auch eine Zeitlang feindliche Brüder gewesen, und das einzig Richtige ist,wie es auch beim Schlüsse des Stückes geschieht: dass dasReich friedlich unter ihnen getheilt wird.