Erstes KcrrrpLstück.
tlarbegriffe.
H 1. Wesen -er Poetik.
Poetik ist die Lehre von dem Wesen, von den Grundsätzen,Regeln, Formen und Formeln der Dichtkunst, oder die wissenschaft-liche Betrachtung der Poesie. Als Wissenschaft der Dichtkunst ist sieein Teil der Ästhetik, nämlich die auf Poesie angewandte Ästhetik.
Schon in frühester Zeit hat man versucht, aus den Gebilden der PoesieRegeln zu abstrahieren und die Formen und Formeln der Poesie zu unter-suchen, um sich ihrer Gesetze klar zu werden. Das auf diese Weise entstandeneRegelwerk ist die Poetik. Sie abstrahiert ihre Gesetze ebenso aus der Philo-sophie der schönen Künste, wie aus der Betrachtung mustergültiger Dichtungen.
Demgemäß macht uns die Poetik mit den Gesetzen des Schönen, mit derLehre des poetischen Stils und mit der äußeren Form und den Gattungen derPoesie rc. bekannt. -
Die Kenntnis der Poetik erleichtert dem Dichter vor allem seine schöpferischeThätigkeit. Die Poetik erschließt aber auch demjenigen, der nicht Dichterist, ein tieferes Verständnis der dichterischen Schöpfungen; sie macht es möglich,das Schöne und Erhabene leichter erkennen und würdigen zu können; sie strebt,den Sinn für das Schöne zu wecken und zu beleben; sie sucht ästhetische Bildungzu fördern. Ihre Kenntnis ist das unerläßliche Vorstudium zur Ein-führung in einen Dichter, wie in die gesammts Litteratur.
Bisher waren unsere Poetiken nur denen genießbar und verständlich, dieschon besaßen, was ein Dichter braucht. Eins Poetik der Neuzeit soll aber— angesichts des hohen Bildungsstandes unseres Jahrhunderts — nicht nurein Unterricht im Dichten für Dichter sein, (was früher etwa die Skalden-schulen, oder die Dichterschuken zur Zeit der Minnesinger oder die Tabulaturender Meistersänger rc. waren); sie soll auch nicht nur eine Einweisung in dasVerständnis der fertig gestalteten poetischen Formen bieten: sondern sie soll
Beycr, Teutsche Poetik I. 1