Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

31

Lebensgefühl mit, das nie verlischt und große Thaten zu seinem Herzen bringt,damit er sie fühlen kann. Doch ach! Es weiß denjenigen gar nichts zu sagen,in denen es nicht sproßt, und die Wunder, die es thut, sind nicht vorhandenfür den, der sie nicht nachahmen kann.

Willst du aber wissen, ob irgend ein Funke dieses verzehrenden Feuersdeine Seele belebe? Eile, fliege nach Neapel, und höre die Meisterwerkeeines Leo, eines Durante, eines Jomelli, eines Pergolese. Füllen sich deineAugen mit Thräneü, schlägt dir das Herz, wirft es dich hin und her, er-stickt die Zurückhaltung deinen Atem; so ergreife den Augen-blick, arbeite! Ihr Genie wird das deinige entzünden, du wirst nachihrem Vorbilde erschaffen. Das ist Genie. Bald werden die Augen deinerZuhörer dir die Thränen wieder zollen, die deine Meister dir abforderten.Lassen dich aber die Reize dieser großen Kunst in Ruhe, fühlst du dich wederverwirrt noch entzückt, entdeckst du gar nichts, was dich erschüttern könnte;so sei nicht zudringlich, und frage nicht weiter, was Genie sei; du bist einMensch von gemeinem Schlage, du entweihst dies heilige Wort."

In der Stelle:erstickt die Zurückhaltung deinen Atem, so gehe hinund arbeite!" tritt Rousseau unbewußt auf unseren Standpunkt. Gefühl,Kunstsinn, Talent macht noch nicht das Genie. Dieses ist, wie gesagt, dasResultat der Arbeit, die freilich bei großer Urkräftigkeit der Anlagenzur höheren Kunststufe führen wird. Es ist durchaus nötig, daß man vielsehe und wie Fröbel will viel mache, arbeite!

Bei richtigem interessevollem Arbeiten entdeckt man dann in einem TageVorteile und Kunstgriffe, die ihren Erfindern jahrelange Untersuchung undMühe kosteten.

Was hatte Michel Angelo gearbeitet, ehe er im Stande war, dieMajestät Gottes mit dem Charakter göttlicher Hoheit zu malen! Rafael, deran demselben Problem studierte, sah heimlich seines Nebenbuhlers Kunstwerk,und sofort malte er die göttliche Majestät, daß uns ehrfurchtvolles Schaudernergreift. (Siehe das Gewölbe der Galerie, welche zu den Zimmern des II. Stockesim Vatikan führt.) An Giorgione lernte er kolorieren. So wurde er erstnach und nach das Genie Rafael. Vervollkommnet wird das Genie in unseremSinne nur durch vieles Arbeiten und Sehen, durch Vermehrung der Kenntnisse,durch Veredlung des Geschmacks.

Es ist eine leichtfertige, für die Dauer unhaltbare Meinung, daß die Naturbeim Genie alles thut, und daß es das Genie lähmen heißt, wenn man esden Regeln des Geschmacks und der Kunst unterwirft. Die großen Genieshaben am meisten gearbeitet, und Homer ist nicht seiner Originalität wegenallein, er ist auch seiner Regelmäßigkeit wegen Muster.

Dem Genie wird häufig auch eine angeborene, nur ihm eigene Be-geisterung (Wahnsinn") vindiziert. Man nennt den genialen Dichterbegeistert",trunken",des Gottes voll".

Plato geht zu weit, wenn er den Sokrates (p. 533 b!.) sagen läßt:.Wie die korybantischen Tänzer nicht im bewußten Zustand tanzen, so dichten