Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

89

Sonst folgten harte Strafen,

Daß er so schlecht gewacht.

Wem dieses möcht' gelingen,

Der konnte wohl begehrenVon allen seltnen Dingen:

Man mußte sie gewähren.

Beim Sperber war in EhrenEin trefflich schönes Weib,

Konnt' einer all' begehren,

Nicht ihren schönen Leib.

Gyot, der junge König, '

Rüst' sich im kecken Mut,

Er dünkte sich nicht wenigZum Abenteuer gut.

Er sprach zu sich im Herzen:

Gelingt der Zeitvertreib,

So fordr' ich ohne ScherzenDoch nur das edle Weib.

Zog aus mit vielen Leuten,

Und mit Gefolge groß,

Da sahen sie von WeitenDas wundersame Schloß.

Auf grüner Wiese mildeLieß er die Diener seinUnd ging mit Schwert und SchildeKeck in's Burgthor hinein.

Da kam ein alter Mann,

Gar klein und krumm und bleich,

War schneeweiß angethan,

Sein Bart war weiß zugleich.

u. s. w-

Mangel an Absichtlichkeit, Natürlichkeit der Erscheinung, wird in derÄsthetik als das Naive bezeichnet. Es ist dasjenige Kindliche, welches daauftritt, wo man es nicht erwartet, weshalb es eben der Kindheit nichtzuzuschreiben ist. Das Naive in der Darstellung eines künstlerischen Motivsmuß das Gepräge der Unabsichtlichkeit tragen. Keinesfalls darf es den Ein-druck machen, als ob es für den Beschauer oder Beurteiler berechnet sei.Manmerkt die Absicht und man wird verstimmt", sagt Goethe vom erkünsteltenNaiven. Ohne Naivetät kein Klassisches. Das Naive oder der Anschein desNaiven ist der höchste Kunstzweck.

Beispiel des jNaiven:

Am Himmel ist kein Stern,

Den ich dem Freund nicht gönnte,

Mein Herz gab' ich ihm gern,

Wenn ich's heraus thun könnte.

(Rückert.)