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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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anfänglich auf unsere Anschauung niederdrückend; von der ästhetischenEmpfindung desselben ist ein Gefühl eigener Kleinheit und Unbedeutend-heit nicht zu trennen. Erst dann wird man zum Genuß des Erhabenenin seiner reinen Schönheit befähigt, wenn man sich vom Gefühle derBeklemmung und der physischen Furcht frei gemacht hat, um die Größeder Erscheinung des Erhabenen objektiv und ruhig der Anschauungvermählen zu können.

2. Das Erhabene hat mehrere Unterarten, von denen das Tragische -als Gegensatz der übrigen aufgefaßt wurde.

1. Man kann das Erhabene, welches physischer, moralischer und intellektuellerNatur sein kann, einteilen in das Mathematisch-Erhabene und (mitRücksicht auf Kraft) in das Dynamisch-Erhabene. Erhaben ist derallmächtige, aber liebende Christengott; furchtbar der zürnende Judengott, welch'letzterem gegenüber der Mensch Sklave ist. Der Griechengott ist erhaben, dennwenn er auch die Welt erschüttern kann, so bedeutet doch der Olymp dieRuhe, und das Maß thront auf seinem Götterantlitze. Man denke an denvon Phidias dargestellten olympischen Zeus. Der Donner, dessen Maß ge-geben ist, wirkt erhaben; eine Dynamitexplosion ist wegen ihrer maßlosen, ver-nichtenden Wirkung furchtbar. Eine Dichtung, insoferne sie Erstaunen, Ehr-furcht, Bewunderung rc. hervorruft, ist erhaben. Ein Hymnus, der die GrößeGottes besingt, erzeugt das Gefühl des Erhabenen. Erhaben ist, aus der Fernegesehen, ein feuerspeiender Berg, erhaben ist die Unendlichkeit des ruhigen Oceans,der unermeßliche Weltenraum, ein Gletscher, ein gewaltiger Wasserfall (z. B. derRheinfall), der gestirnte Himmel mit Fixsternen; ebenso ein riesiger, überhängender,den Einsturz drohender Berg, sofern ich mir die Kraft vergegenwärtige, mit derer niederstürzen muß. Erhaben ist die Weltregierung, erhaben können Menschen-werke sein, z. B. der Kölner Dom, die Mailänder Kathedrale, die ägyptischenPyramiden. Erhaben ist der mit Riesengewalt kämpfende König Richard III.,ebenso Julius Cäsar, der beim Seesturm dem erblassenden Steuermann imponierendzuruft:Du fährst Cäsar und sein Glück!"

Wer nicht den Trieb fühlt, sich zum Erhabenen emporzuschwingen oderzum mindesten es zu begreifen, der wirdes in den Staub zu ziehen suchen".(Vgl.: Mephistopheles im Faust, Jago im Othello, Gottfried KinkelsCäsar".)

Beispiel des Erhabenen:

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt.

Wie auch der menschliche wanke;

Hoch über der Zeit und dem Raume webtLebendig der höchste Gedanke,

Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,

Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

(AusDie Worte des Glaubens" von Schiller.)

Kant hat das Erhabene zuerst in seiner Kritik der Urteilskraft erörtert.Nach ihm Schiller, Hegel, Bischer. Letzterer weicht von allen dadurch ab, daß