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darf der Philosoph für Krieg nicht gebrauchen, wohl aber der Dichter, welcheraus der Zeit singt, in der dieses Wort noch gebräuchlich war.
Für Archaismen hatten die Lateiner die Bezeichnung verbu vstuotu,uutigun, ontignuta, obsolots,, sxolsts,, d. i. veraltete, erloschene, ausge-storbene Wörter. (Vgl. Horaz L.. ?. 70.) Nur dem Dichter ist es gestattet,solche Wörter, Konstruktionen und Wendungen wieder aufleben zu machen. (Fürden Nachweis der sämmtlichen Archaismen Rückerts vgl. des Verfassers NeueMitteilungen Bd. II. S. 1. ff.)
v. Provinzialismus.
Unter Provinzialismen versteht man Wörter, Ausdrucksweisen,Redensarten, die nur der Sprache einer bestimmten Gegend oder Pro-vinz angehören.
Z. B. das von Rückert angewandte fränkische serten für voriges Jahr,oder Hanke für Hüfte (worunter man in Franken den Hinterteil der Pferdeversteht), Fladen und Platz für Kuchen (in Eierfladen und Eierplatz), Rügfür Rüge (in Rugtag) u. s. w.
Viele Provinzialismen sind zugleich auch Archaismen, was der Sprach-forscher aus den Schriften der Dialektdichter Hebel, Nadler, Lennig, Schandein,Kobell, Klesheim, Seidl, Grübel, Holtei, Bornemann, Klaus Groth, Reuter,Grimminger leicht beweisen kann.
Unsere Schriftsprache war ursprünglich die Mundart Obersachsens, einGemisch von Ober- und Niederdeutsch, worin das Oberdeutsch überwog. DieDichter der letzten Litteraturepoche haben zur Fortentwickelung und Bereicherungdieses ursprünglich wortarmen Dialekts so unendlich viel gethan, durch Her-einziehung von Provinzialismen namentlich ihn derart aufgefrischt underweitert, daß obersächsischer Dialekt und hochdeutsche Schriftsprache durchausnicht mehr identisch sind.
Und so sind dem einsichtigen, bedeutenden Dichter auch für die Folge dieWege gezeigt, auf denen er die Sprache immer von Neuem bereichern und er-weitern kann. Freilich muh der Dichter, welcher diese Wege betreten undProvinzialismen einführen will, ein Mann von Autorität und Popularität sein.
ck. Neologismus.
Unter Neologismen (vgl. Hör. k. 48 ff.) versteht man neu-eingeführte Wörter, die oft als sprachwidrig, neuerungssüchtig, unschönempfunden werden, oft aber den Gesetzen des Schönen entsprechendgebildet sind und befriedigen.
Ich erinnere an das Wort empfindsam, das jetzt allgebräuchlich ist, ob-wohl es vor kaum 100 Jahren erst unserem Sprachschatze einverleibt wurde undzwar durch Bode, den Übersetzer von loriku ssntirasntul jonrnsz- (— em-pfindsamer Reise), der dieses Wort auf Lessings Rat zuerst gebrauchte.
Zum Neologismus führt das Bedürfnis des Dichters, sich kräftige, sinnlichanschauliche Worte zu bilden. Er ist das Produkt des unzerstörbaren Bildungs-triebes der Sprache, der bei allen Völkern und zu allen Zeiten wirkt. Er
Bey er, Deutsche Poetik. I. 8