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Beispiel:
Trank nie einen Tropfen mehr. — (Goethes König in Thule.)
Im wilden Wald, in der Winternacht. —
Die Welle Wieget unsern Kahn. — (Goethe.)
Wir umklangen sein Ohr so verklagend noch immer. — (W. Jordan.)
2. Stabreim für kontrastierende Vorstellungen.
Die allitterierenden Wörter sind dem Sinn nach häufig entgegen-gesetzt.
Beispiel:
Wohl und Weh.
Wonne und Wehmut.
Mit ermüdender Macht die Gemüter der Drcie.
(W. Jordan.)
3. Stabreim für indifferente Vorstellungen.
Bei ihnen zeigt sich weder Übereinstimmung, noch Verwandt-schaft, noch Kontrast. Sie stehen inhaltlich gleichgültig einandergegenüber.
Beispiel:
Dunkel drückt das Gewölk sich,
Grau droht die Gegend rings.
(Fouqus.)
Warum weinst du, junge Waise?
Gott, ich wünsche mir das Grab.
(Goethe.)
Und der Götter Befehl in die Ferne getrieben.
Vergissest du ganz, was wir ehegestern (vgl. Z 130. II. l>. st.)
Aus Schwaben gehört, wo unsre Schwerter
Deine Mutter gewiß schon schmerzlich vermißt.
. (W. Jordans Nibelunge.)
tz 132. Historische Entwickelung des Stabreims.
1. Die Allitteration ist vorhomerischen Ursprungs.
2. Die ältesten Denkmäler unserer Litteratur waren allitterierend.Die Allitteration bildete die Grundlage (Knochengerüst) unserer frühestenpoetischen Sprache. (Z 126.)
3. Als die Allitteration ganz und gar abkam, blieben doch dieReste derselben in einzelnen Liedern wie auch im Volksmunde.
4. Unsere besten Dichter haben der Allitteration einige Berück-sichtigung geschenkt. Aber sie wurde nicht immer von den Lesern be-merkt. Bereits Fr. de la Motte Fouquo strebte den Stabreim alsBand der Verszeilen in die neue deutsche Poesie wieder einzuführen.
5. Wilhelm Jordan ist der Neubegründer der Allitteration; ihmschloß sich Richard Wagner an.