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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Muß ich denn scheidenund scheu dich meiden,mußt du spulten,was einst sich umspannt,die eigene Hälftefern von dir paltendaß sonst sie ganz dir gehörte,du Gott vergiß das nicht!

In die Fußstapfen Jordans und Wagners ist Gustav Wacht getreten,der in seinem TrauerspielHermann der Cherusker" Allitterationen verständ-nisvoll gebraucht, z. B.:

Schaurige Schatten klagen in den Klüften,

Die Rachegöttin ruft aus grausigen Grüften.

Die Wolken weinen, Donner dröhnen Wider,

Die Nacht entweicht, es träufeln Thränen nieder.

Es löst sich Licht und bricht als Brücke vor,

Walhalla winkt, der Götter Wunderwelt;,

Unsterblich steigt als stolzer Aar emporDeutschlands Befreier: Hermann der Held.

Im Gegensatz zur süßlich leichten Manier, lediglich die abgetretenen Bahnendes Endreims in der Erzählung sorglos zu wandeln, wirkt es erfrischend,durch die markig wuchtige Allitteration einen'strafferen, männlicheren Stil an-gebahnt zu sehen. Ein allitterierendes, aus die Gesetze der accentuierendenMetrik gebautes Gedicht im Sinne Jordans und Wagners entspricht so ganzder Beschreibung Goethes im Faust (II, 3):

Helena: Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an,

Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel.

Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede

Des Mann's mir seltsam klang, seltsam und freundlich:

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,

Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,

Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Faust: Gefallt dir schon die Sprechart unsrer Völker,

O so gewiß entzückt auch der Gesang,

Befriedigt Ohr und Sinn im tiefsten Grunde.

Doch ist am sichersten, wir üben's gleich;

Die Wechselrede lockt es, ruft's hervor.

Helena: So sage denn, wie sprech ich auch so schön?

Faust: Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehn.

Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,

Man sieht sich um und fragt

Helena: Wer mitgenießt.

Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück,

Die Gegenwart allein

Helena:

Ist unser Glück.