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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Wer recht in Freuden wandern will,

Der geh' der Sonn' entgegen,

Da ist der Wald so kirchenstill,

Kein Lüftchen mag sich regen;

Noch sind nicht die Lerchen wach,

Nur im hohen Gras der BachSingt leise den Morgensegen rc.

(Geibel, Morgenwanderung.)

Interessant ist, wie A. W. Schlegel in derWarnung" durch denRhythmuswechsel gefällige Strophen bildet. Er verdrängt den jambischenRhythmus der vier ersten Zeilen durch den trochäisch-daktylischen der fünftenund sechsten, um charakteristisch mit dem jambisch-anapästischen zu schließen:

Es tritt ein Wandersmann HerfürAn eines Dorfes Schenke,

Er setzt sich vor des Hauses ThürIm Schatten auf die Bänke.

Legt sein Bündel neben sich,

Bittet den Wirt bescherdentlich,

Mit einem Trünk ihn zu laben u. s. w.

Hier ist auch der Lutherischen Strophenbildung im bekannten Kirchen-gesangEin feste Burg ist unser Gott" zu gedenken, wo Luther dendochmiusähnlichen Rhythmus (vgl. H 103, S. 302) neben Abwechselung in derZeilenlänge für ein strophisches Charakteristikum wirksam verwertet:

Ein feste Burg ist unser Gott,

Ein gute Wehr und Waffen.

Er hilft uns frei aus aller Not,

Die uns jetzt hat betroffen.

Der alt böse FeindMit Ernst er's jetzt meint,

Groß Macht und viel ListSein grausam Rüstung ist,

Auf Erd' ist nicht sein's Gleichen,

Charakteristisch wirkt in nachfolgender Strophe (mit ihrem auffälligen 'unreinen Reimblatt") die in rhythmischer und melodischer Beziehung wohlthuendeEinschiebung einer daktylisch-trochäischen Verszeile:

Des Kriegers Heldenthat,

Des Bürgers SegensaatFinden ihr LorbeerblattAn deinem Thron,