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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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zwei einander folgende Gedichtsabschnitte gebildet würden, sondern so, daß siesich durchflechten. Zehn im Druck der Glocke durch Einrücken genügendcharakterisierte trochäische Strophen von je 8 Zeilen mit dem strophischenCharakteristikum, welches der 5. und 6. Verszeile nur 3 Takte einräumte,bilden das konstante Element der Rhythmopöie. Zwischen je zwei dieser10 Strophen ist sodann eine Partie in freier metrischer Form eingefügt. Diesezehn trochäischen Strophen stehen unter sich in engem Zusammenhang, so zwar,daß sie für sich ein abgeschlossenes Gedicht bilden könnten. Den Inhalt dieserStrophen bilden die Einzelheiten alles desjenigen, was sich auf den Glockengußbezieht. Der Meister spricht in ihnen an die Gesellen. Die unregelmäßigenStrophen enthalten jene Momente, welche das Menschenleben in idealer Ver-bindung behandeln. Die 4 ersten schön disponierten und ausgeführten Bilder (Taufe,Trauung, Feuer, Tod) sind dem Familienleben angehörig, während die beidenletzteren (Abendglocke und Aufruhrglocke) das Leben der Gemeinde wiederspiegeln.

Die Mehrzahl der Strophen wechselt im Rhythmus, ein Verfahren, das derDichter z. B. auch in seinem 27strophigen Gedicht Das Eleusische Fest beliebte,wo die 1., die 14. und die 27. Strophe daktylisch gebaut sind, während dieübrigen Strophen trochäisch sind. Auch in Würde der Frauen läßt Schillerdaktylische und trochäische Strophen so wechseln, daß diese die Männer, jenedie Frauen behandeln. (Ähnlich verleiht Goethe dem Gedichte Auf dem Seeabwechselnd jambischen, trochäischen und trochäisch-daktylischen Rhythmus.)

Z 158. Einteilung (amtlicher Strophen.

Alle in der deutschen Poesie bekannten Strophenformen zerfallennach Herkunft und Anwendung in vier große Hauptgruppen:

I. Antike und antikisierende Strophen.

II. Fremde moderne Strophen.

III. Althochdeutsche und mittelhochdeutsche Strophen.

IV. Deutsch nationale Strophen der Gegenwart.

1. Die antiken Strophen, welche in unserer poetischen Litteratur durchNachahmung der Antike Eingang fanden, sind vor Allem u. die sapphischeStrophe, b. die alkäische, e. die asklepiadeischen Strophen, ä. die pherekratische,s. die glvkonische, t. die phaläkische Strophe. Hierzu kommt noch eine großeZahl antikisierender Strophen, die von deutschen Dichtern aus antiken Versenund Metren gebildet wurden.

2. Die in unsere Litteratur übergegangenen, von andern Nationen ent-lehnten, also fremden modernen Strophen teilen sich nach ihrer Herkunft in:u. proven^alisch-italienische, d. spanische, o. französische, <1. orientalische.

3. Die althochdeutschen Strophen sind meist Reimpaare. Die mittel-hochdeutschen Strophen sind der Hauptsache nach u. die Nibelungenstrophe,b. die Gudrunstrophe, o. die meist dreigeteilten künstlichen Strophen derMinnesinger und der Meistersänger, ä. die Leiche.