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„Wie die Gottheit hinter m Weltgebäude, so muß der epische Dichterhinter seinem Werke stehen." (Vgl. Schiller: „Über naive und sentimentaleDichtung?' Die Sage von der Blindheit epischer Dichter z. B. des Demodokos,Od. 8. 64, des Homeros, soll andeuten, daß des Dichters Persönlichkeit, seinUrteil und die Gegenwart verschwinde. Ich erinnere an die Stelle in. GoethesSänger: „Der Sänger drückt' die Augen ein, und schlug in vollen Tönen" rc.)
Z 18. Geschichtliche Stellung und Entwickelung der Epik.
1. Die epische Poesie ist der Anfang und die Quelle aller Poesie.Sie war überall die erste.
2. Erst nach Ausbildung der Epik entwickelte sich die Lyrik.
3. Die aufblühende Lyrik drängte zum Drama hin.
1. Mit der Epik begann überall die Litteratur. (Vgl. Bd. I. S. 18 ff.)Sie ließ ursprünglich geschichtliche Stoff« In" wMmäßlg dichterischer Weise alsSage erscheinen. Spätere Nachfragen nach Grund und Ursache dieser Sagenließen aus Naturphilosophie und Religion den Mythus erstehen, d. i. dieErklärung der Erscheinung. So lange die spekulativ-phantastische Lösung geglaubtwurde, war der Mythus rein. Später wurde derselbe didaktisch behandeltoder mit Absicht allegorisch. Sobald die dichterische Phantasie eines VolkesGeschichte und Naturleben in Sage und Mythe allseitig durchgearbeitet undgenügendes Material beschafft hatte, begann die Blütezeit der Epik. GroßeDichter bearbeiteten den aufgehäuften Stoss in künstlerischer Weise und Rhapsodenverbreiteten die Dichtungen. Welche poesieempfänglichen Zeiten müssen esgewesen sein, in denen nach Homers Bericht die Hörer dem Demodokoslauschten, oder von denen Beowulf berichtet:
So kühnen Kampf hat der König der SchildingeMit gediegenem Golde mir gütig gelohntUnd manchem Kleinod, als der Morgen kam,
Und wir beim Schmause saßen und zechten.
Da war Hall und Schall. Bald hub der alte Schilding,
Der vielerfahrene, von fernen Zeiten an;
Bald begann ein Held der Harfe WonneLustsam zu wecken, bald ein Lied zu singenSüß und schaurig; Geschichten erzählte baldDer Wahrheit gemäß der weitherz'gc König.
Ein ander Mal hörten wir den altergebundeuenGreisen Krieger von des Kampfes StrengeDer Blüte melden, daß die Brust ihm schwoll,
Wenn der Winterreiche der Wagnisse gedachte.
So saßen wir im Saale den sonnenlangen Tag,
Den Genuß erneuend. Die Nacht befiel nunDie Erde abermals.
(Beowulf. Übers. und erläut. v. Simrock S. 106.)
An das Heldengedicht jener deutschen Zeit, die auch einen einheitlichen.Baustil für Errichtung unvergleichlicher Dome schuf, reihte sich das Kulturepos;
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