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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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auf die guten und schlechten Seiten derselben aufmerksam. Ihre Lippen um-schwebt ein launiges Lächeln, wenn einer ihrer Lieblinge irgend eine Thorheitbegeht. Aber die Kinder werden größer, sie werden den Stürmen des Lebensausgesetzt, ihr Charakter bewährt sich. Nun bekommt die Dichterin selbst Respektvor ihren Zöglingen. Sie wird ernst und steht dem jungen Herzen als treueRatgeberin zur Seile. Wo aber endlich das Gefühl über Phantasie undVerstand triumphiert, da kommt der sentimentale Stil zum Vorschein. DerDichter steht gleichsam unter seinem Stoffe und schaut mit Ehrfurcht zu ihmherauf. Sein Gegenstand begeistert ihn, er ist mehr Redner als Erzähler; erkennt die Wirkungen der Rhetorik und sucht mit ihren Mitteln zu wirken, dieGesetze der Objektivität sind ihm fremd. Unzweifelhaft ist der objektive (naive)Stil der dem Wesen der Dichtkunst am Meisten entsprechende. Er verleihtdem Kunstwerk einen großen Teil von Selbständigkeit. Zugleich aber bekundeter, daß der Dichter den höchsten Gipfel seiner Kunst erreicht hat.

Proben des epischen Stils:

u. Naiver Stil. (Bruchstück aus GoethesWilhelm Meister". WerkeXVI. S. 102.)

Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihrenKorb dar, und er kaufte sich einen schönen Strauß, den er mit Liebhabereianders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines, an derSeite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich austhat, und ein wohl-gebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte ungeachtet derEntfernung bemerken, daß eine angenehme Heiterkeit ihr Gesicht belebte. Ihreblonden Haare fielen nachlässig aufgelöst um ihren Nacken; sie schien sich nachdem Fremden umzusehen. Einige Zeit darauf trat ein Knabe, der eine Frisier-schürze umgegürtet und ein weißes Jäckchen anhatte, aus der Thüre jenesHauses, ging auf Wilhelmen zu, begrüßte ihn und sagte: Das Frauenzimmeram Fenster läßt Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen Teil der schönen Blumenabtreten wollen? Sie stehen ihr alle zu Diensten, versetzte Wilhelm, indemer dem leichten Boten das Bouquet überreichte, und zugleich der Schönen einKompliment machte, welches sie mit einem freundlichen Gegengruß erwiderte,und sich vom Fenster zurückzog. Nachdenkend über dieses artige Abenteuerging er nach seinem Zimmer die Treppe hinauf, als ein junges Geschöpf ihmentgegen sprang, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidenesWestchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe lange Beinkleider mit Puffenstanden dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken undZöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit Ver-wunderung an u. s. w." (Vgl. Bd. I S. 103.)

b. Ironischer Stil. (Bruchstück aus Jean Pauls Belagerung derReichsfestung Ziebingen.)

Das Reichsstädtchen Diebsfehra> nicht das meißnische Dorf besaßmit Ziebingen aus den Grenzen eine Gemeinehut, worauf beide Städte ihreGänse weiden dursten. Unglücklicher Weise fiel den 4. Mai ein so starker