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Beispiel: In Emilia Galotti giebt die Scene des Prinzen am Arbeits-tisch den stimmenden Accord, die Unterredung mit dem Maler die Expo-sition, die Scene mit Marinelli das aufregende Moment (welches dieMeldung der bevorstehenden Vermählung liefert), der Entschluß, Emilia bei denDominikanern zu treffen, die erste Steigerung. Der Dichter führt im erstenAkte die Personen vor, welche seine wichtige Angelegenheit beschäftigt, er bringtsie mit all den umgebenden Leben-verhältnissen unserem Interesse nahe, zeigtuns die Grundlage seines Baues und spannt nun unsere ganze Aufmerksam-keit aus das Wie und Wodurch des darüber aufzuführenden Gebäudes. Erversetzt uns a priori — der Bestimmung des ersten Aktes gemäß — in diedramatische Stimmung, in die Situation des Drama, und gewährt so einenahnenden Vorblick in die Zukunft derjenigen Personen, deren Geschick sich vorunsern Augen abspielt.
So versammelt sich — um noch ein Beispiel zu geben — im Osäipnstxrannos von Sophokles die Jugend Thebens unter Führung der Priestervor dem Palast des Königs. Wir erfahren, daß als Strafe der Götter für denungerächten Mord des vorigen Königs eine Pest wüte; das Volk kommt, umdie Entdeckung des Mörders herbeizuführen. Dies ist die Exposition derHandlung.
Als Muster solcher Expositionen ist z. B. noch der erste Akt von SchillersTell zu nennen. (Einleitende Unterredung; Baumgartens Flucht und Rettung;Scene vor Stauffachers Haust Unterredung vor dem Hut auf der Stange;Blendung Melchthals. Darauf die erste Steigerung: Beschluß, auf dem Rütlizu tagen.)
Nicht durch Erzählung oder gar durch einen Prolog soll exponiert werden,sondern durch Handlung; jedoch gehört zur Exposition auch das „aufregendeMoment", d. i. das zu der Seele des Helden aufsteigende Gefühl und Wollen,welches die Harrpthandlung veranlaßt und den Helden bestimmt. Die Expositiondarf nie zu viel geben, um nicht den Verlauf der Handlung zu verraten; nurahnen lasten, nur das Verständnis vorbereiten soll sie. Die Exposition ist dieFrage, auf welche der Ausgang des Stückes (d. i. die Katastrophe) Antwort giebt.
Zweiter Akt. Im Fortschritt und Verlauf der Handlung, also imII. Akte (d. i. dem Akte der Steigerung), wird die eigentliche Verwickelung(Kollision) klarer eingeleitet. Hier werden die Personen des Gegenspiels ein-geführt. Die Absichten und Pläne der Handelnden durchkreuzen sich: esbeginnt die eigentliche Handlung. Situation erwächst aus Situation,Ringen und Kämpfen gegen feindliche Mächte wechseln ab.
Beispiel: In Emilia Galotti führt der Dichter erst die Familie Galottiein; dann folgt die exponierende Intrigue Marinellis; dann Handlung:a. Emiliens Aufregung nach dem Kirchenbesuch, I>. Marinellis Besuch undAuftritt mit Appiani rc.
Dritter Akt. Ihren höchsten Punkt erreicht die Verwickelung im drittenAkt, den man deshalb als den Akt des Höhepunktes im Drama