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Sie werden bei längeren Dramen häufig beschnitten. Mit Unrecht, da sieüber die Züge des Gegenspiels aufklären und zu neuem Fortgang drängen.Man vgl. z. B. den Botenbericht des Schweden in Wallenstein, der den Tod desMax meldet und Gelegenheit giebt, das ganze Seelenleben der Thekla zu entrollen.
ä. Die Liebesscenen bilden in der Tragödie einen wunderbarenKontrast zu dem finsteren Geschick. Die großartigsten Liebesscenen finden sichin Romeo mit der unübertroffenen Balkonscene, und in Faust die Scene Gretchensim Garten. Sie heben sich da in der Gewalt der unmittelbaren Empfindungvon denen Schillers ab, z. B. im Teil zwischen Rudenz und Bertha, imWallenstein, wo die Anwesenheit der Terzki die Entfaltung hemmt. Der Eintritteines Dritten in den Dialog kann hemmend oder treibend wirken, da er alsPartei die Absicht des einen lähmt oder fördert, oder auch seinen Willeneinem jeden der beiden entgegensetzt.
s. Ensemblescenen. Sobald mehr als drei Personen an der Hand-lung sich beteiligen, entstehen die Ensemblescenen, die in der griechischenTragödie fehlten, uns aber geradezu unentbehrlich sind. Sie sind zwar nichtder Ausdruck der größten Steigerung oder Spannung, aber sie liefern einenBeitrag, der Handlung Glanz, Bewegung, Farbe und Wirkung zu verleihen,die Triebfedern der Handlung ersehen zu lassen, oder dieselbe effektvoll abzu-schließen. Diese Wirkung der Ensemblescenen ist nicht sowohl von der An-wesenheit vieler Personen auf der Bühne abhängig, als vielmehr von demthätigen, charakteristisch-bewegten Eingreifen derselben. Der Dichter ist daher mitRecht als der Wirt bezeichnet worden, welcher jedem seiner Gäste die Unter-haltung in dieser Scene und das Eingreifen in dieselbe ermöglichen soll. Scenenvon großer Personenzahl (Volksscenen rc.) müssen eine sehr verständnisvolleGliederung haben, um ebenso die führenden Stimmen zu markieren, als dasharmonische Zusammengreifen zu ermöglichen. Selbstredend ist hier ein weisesMaßhalten geboten; auch der Held wird vieles unausgesprochen lassen müssen,da hier eine große Gruppe nicht zum Schweigen auf lange Zeit verurteiltwerden kann.
Eine gewaltige Ensemblescene ist die Rütliscene im Teil. Ihre Teile sind:Ankunft der Unterwalder, Melchthals und Stauffachers Unterredung, Begrüßungder Schwyzer. Der Dichter hat es vermieden, durch wiederholtes Betonen desEintritts der 3 Kantone unsere Geduld auf die Probe zu stellen. Die Urnererscheinen und die Handlung beginnt, geleitet von 2 Hauptpersonen, ja, siespinnt sich fort in kurzen Reden und lebhaftem Eingreifen der Nebenfiguren.Stausfacher schildert glänzend die Absicht und das Ziel des Bundes. Wider-streit der Ansichten über Stellung zum Kaiser; verständnisvolles Reden, Stei-gerung der Gegensätze über die Mittel, sich von den Vögten zu befreien. Ab-stimmung, Schwur. Stauffachers machtvoller Vertrag ist der Höhepunkt derScene, die so mannigfach ist in Bewegung, Händeerheben, Waffengerassel,Steigerung, Ruhe, Umarmung! Dazu der schöne Ausklang der Scene, indemdie Morgenröte der entblößten Gruppe Farbe verleiht und daS Licht der auf-gehenden Sonne die Eisberge übergießt.