Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

378

gedungen der eigennützigen Leidenschaft? Wer war diesen Morgen glücklicher alsich? Alles war Wollust und Wonne um mich her. Hat sich die Natur binnendieser Zeit verändert, oder ist sie minder der Schauplatz einer grenzenlosen Voll-kommenheit, weil Agathen ein Sklave, und von Psyche getrennt ist? Schämedich, Kleinmütiger, deiner trübsinnigen Zweifel, und deiner unmännlichen Klagen!Wie kannst du Verlust nennen, dessen Besitz kein Gut war? Ist es ein Übel,deines Ansehens, deines Vermögens, deines Vaterlandes beraubt zu sein? Allesdessen beraubt, warst du in Delphi glücklich, und vermißtest es nicht. Undwarum nennst du Dinge dein, die nicht zu dir selbst gehören, die der Zufallgiebt und nimmt, ohne daß es in deiner Willkür steht, sie zu erlangen oderzu erhalten? Wie ruhig, wie heiter und glücklich floß mein Leben in Delphihin, eh' ich die Welt, ihre Geschäfte, ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Abwechs-lungen kannte: eh' ich genötigt war, mit den Leidenschaften anderer Menschen,oder mit meinen eigenen zu kämpfen, mich selbst und den Genuß meines Da-seins einem undankbaren Volk aufzuopfern, und unter der vergeblichen Bemüh-ung, Thoren oder Lasterhafte glücklich zu machen, selbst unglücklich zu sein!Meine eigene Erfahrung widerlegt die ungerechten Zweifel des Mißvergnügensam besten. Es gab Augenblicke, Tage, lange Reihen von Tagen, da ichglücklich war; glücklich in den frohen Stunden, wenn meine Seele, vom An-blick der Natur begeistert, in tiefsinnigen Betrachtungen und süßen Ahnungen,wie in den bezauberten Gärten der Hesperiden, irrte; glücklich, wenn meinbefriedigtes Herz in den Armen der Liebe aller Bedürfnisse, aller Wünsche ver-gaß, und nun zu verstehen glaubte, was die Wonne der Götter sei; glücklicher,wenn in Augenblicken, deren Erinnerung den bittersten Schmerz zu versüßengenug ist, mein Geist in der großen Betrachtung des Ewigen und Unbegrenztensich verlor. Ja, du bist's, alles beseelende, alles regierende Güte ichsah, ich fühlte dich! Ich empfand die Schönheit der Tugend, die dir ähnlichmacht; ich genoß die Glückseligkeit, welche Tagen die Schnelligkeit von Augen-blicken und Augenblicken den Wert von Jahrhunderten giebt. Die Macht derEmpfindung zerstreut meine Zweifel; die Erinnerung der genossenen Glückselig-keit heilet den gegenwärtigen Schmerz und verspricht eine bessere Zukunft.Diese allgemeinen Quellen der Freude, woraus alle Wesen schöpfen, fließen wieehemals um mich her; meine Seele ist noch eben dieselbe, wie die Natur, diemich umgiebt. O Ruhe meines delphischen Lebens, und du, meine Psyche!euch allein, von allem was außer mir ist, nenne ich mein! u. s. w.

3. (19. Jahrhundert.) Stilprobe aus Gottfried Kellers Dergrüne Heinrich. 3. Band, S. 1. Erstes Kapitel.

Arbeit und Beschaulichkeit.

Ich schlief fest und traumloS bis zum Mittag; als ich erwachte, wehtenoch immer der. warme Südwind und es regnete fort. Ich sah aus dem Fen-ster und erblickte das Thal aus und nieder, wie Hunderte von Männern amWasser arbeiteten, um die Wehren und Dämme herzustellen, da in den Bergenaller Schnee schmelzen mußte und eine große Flut zu erwarten war. Das