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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Kaisers zu dem schönen Jünglinge Antinous dramatisch behandelt wird, bloßum weniges näher tritt rc. Mit Recht sagt Klein (Gesch. des Drama III536): Der griechische Kunst- und Staatsgeist konnte die Liebe nur individua-lisiert, verhüllt und maskiert, gleichsam in festbegrenzten, naturbestimmten, in sichselbst abgeschlossenen, also immer noch selbstischen Formen erschauen. Über denNationalitätsbegriff, den Staats- und Familienkultus, die Stammesliebe undFreiheit, und Aufopferung für diese Liebe und Freiheit erhob sich die Mensch-heitsidee der Griechen nicht. Nur unter dieser Gestalt tritt die Liebe in ihremDrama auf, als Haupttriebfeder und Läuterungsmotio. Vater-, Bruder-Schwesterliebe, Aufopferungsliebe für Staat und Stadt: darin verläuft und«rschöpft sich der tragisch-ethische Reinigungsprozeß im griechischen Drama. DieGeschlechterliebe, selbst in ihrer reinsten Form als bräutliche und Gattenliebe,tritt hinter jene so entschieden zurück, daß sie in der ungefälschten, großenTragödie nicht als Hauptmotiv wirken, nicht als heroische Leidenschaft sichhervorstellen darf.

S. Bei unseren meist philosophischen Wahrnehmungen, wo Wunsch mitWunsch, Empfindung mit Gefühl, Leidenschaft mit verdeckter Begierde kämpfen,.gestaltet sich natürlich die Darstellung und Bearbeitung der Tragödiephilosophischer. Wir haben auch weit mehr Bedürfnis zur Menschenbeobachtung,um das Raffinement verkehrter Bildungen verstehen zu lernen und in dieKombination der Leidenschaft und des Affekts einzudringen, als dies bei denGriechen der Fall war. Weiter ist unser geistiges und nationales Leben einso eigenartiges, daß uns dadurch schon eigene Bahnen gezogen sind. Unserephilosophische Entwickelung drängt uns, z. B. die Leidenschaft eigenartig, typischzu verwerten. Die Leidenschaft an sich hat sich im Leben der Völker, im Laufeder Jahrhunderte mit dem Streben nach Besitz, Wohlstand, Glück und Liebes-gemeinschaft, mit der Veredlung der Lebensweise und dem zunehmenden Lurus,mit dem Emporquellen des Lasters (man betrachte den Hof eines Ludwig XIV.),mit dem kriechenden Wesen, mit Neid und Verstellung anders entfaltet, alsdas früher bei den einfachen Griechen, ja, selbst noch zur Zeit des schwelgerischenTiberius und seiner Nachfolger der Fall war.

Bei der griechischen Tragödie war es das Eingreifen der Götter, oderdas Handeln gottähnlicher Personen, welche den musikalischen Rhythmus, dieDeklamation, die rhetorischen Erörterungen, die Chorgesänge zwischen jedem Akteund den ganzen feierlichen Ton der Tragödie erzeugten. Bei uns wird derTon und die Haltung der Tragödie durch Zeichnung der Seelenzustände, durchpsychologische Motivierung, durch philosophische Entfaltung der eigenartigen Ideengeschaffen. Natürlich mußten die Alten innerhalb der Grenzen des allgemeinenbleiben, während wir bis in's Detail der Leidenschaft und Empfindung zurErreichung unserer Absicht vordringen können. Bei den Griechen mußte diewenig philosophisch wirkende Tragödie dem großen Volke verständlich sein. Beiuns kann der Dichter schon einige Schritte dem Publikum voraus sein (nachLessing soll er es sogar). In dieser Hinsicht kann man Goethe keinen Vor-warf machen wegen der philosophischen Durchdringung feiner Jphigenie.Ich