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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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noch nicht ganz zu entziehen vermochten (vgl. Schillers Braut von Messinaund seine Übersetzung der Jphigenie in Aulis von Euripives, Goethes Nach-dichtung der Jphigenie in Tauris rc.) und von denen Goethe die Aufmerk-samkeit unseres Volks durch Egmont auf das echt deutsche historische Trauer-spiel lenkte, während Schiller die Tragödie durch den romantischen idealenCharakter, den er ihr verlieh, zur höchsten Höhe emporhob.

Um eine Anregung zum poetischen Studium der bedeutendsten Tragödienunserer Litteratur zu geben, und um deren litterargeschichtlichs Bedeutung zuzeigen, führen wir unter Verweisung auf Lessings Miß Sara Sampson undEmilia Galotti lediglich die bedeutendsten Tragödien Schillers und Goethes durchpräzise Analysen ein.

Die Verschwörung des Fiesko, von Schiller. Mit diesem repu-blikanischen Trauerspiel eröffnet Schiller die Reihe jener historischen Tragödien,die des Dichters dauernden Ruhm begründeten. In demselben bringt er seinenFreiheitsdrang zum Ausdruck. Das Stück, durch rasche Beweglichkeit, Glanzund Kraft der Charaktere ausgezeichnet, stellt den Verstand in den Kampf mitden bestehenden Verhältnissen. Es behandelt als Stoff die Geschichte von derVerschwörung des Fiesko gegen die Dorias in Genua im 16. Jahrhundert.Der Held Fiesko, auf die Dorias eifersüchtig, besonders auf den Neffen desAndreas, Johann Doria, sucht durch eine Verschwörung der Herr Genuas zuwerden. Die Verschworenen sind im Vorteile; Johann Doria fällt; Herzog Fiesko,indem er über ein Brett gehen will, um eine Galeere zu besteigen, wird vonVerrinn, dem Rächer der Freiheit, in's Meer gestoßen und ertrinkt.

Kabale und Liebe, von Schiller. Dieses bürgerliche Trauerspiel istwie das vorige von revolutionärem Geiste durchweht, indem der Dichter dermoralischen Verderbtheit höherer Stände den Adel der Seele in niederen Ständenentgegenstellt. Es ist reich an schönen Einzelheiten, verliert aber, abgesehenvon der noch nicht immer gewählten Sprache, durch unnatürliche Charakter-zeichnung, wie auch durch den unversöhnten Schluß.

Inhalt: Der Präsident von Walter sucht mit Hülfe seines HaussekcetairsWurm das Liebesverhältnis seines Sohnes Ferdinand zu Luise, der Tochter desStadtmusikus Miller, zu lösen. Durch erweckte Eifersucht gelingt der Plan;Ferdinand vergiftet sich und Luise. (Vgl. S. 39 d. Bds.)

Maria Stuart, von Schiller. Schiller bietet in der Heldin MariaStuart (S. 40 d. Bds.) einen ungewöhnlichen Charakter, welcher Kraft genugzeigt, ungeheure, namenlose Leiden zu ertragen. Ihre menschlichen Fehler:Sinnlichkeit, gekränkte Eitelkeit, von denen sie schon in früheren Jahren zurZeit ihrer Regentschaft befangen ist, haften ihr auch noch im Kerker an. Wirsehen sie hier ringend mit dem Unglücke. Unterstützt von religiösem Gefühl,sucht sie das Unglück zu bewältigen und geht endlich nach vierteljähriger Ge-fangenschaft mit sanfter Demut und rührender Ergebenheit als Heldin ihremunvermeidlichen Schicksal, dem Tode entgegen.

Die Jungfrau von Orleans, von Schiller. Der Dichter zeigt sichin dieser romantischen Tragödie, die den Anfang der modernen Romantik bildet,