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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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in Samt und Seide einherschreiten, brachte den Wechsel seiner belebten Scenendadurch zu Stande, daß er im Hintergründe eine in 4 Abteilungen geteilte,drehbare Scheibe anbringen ließ (IV 165), so daß immer diejenige Abteilungin den Vordergrund gedreht werden konnte, welche sür die Handlung nötigwar. Sein Komponist Staden verpflanzte bereits den ganzen Apparat derdamaligen italienischen Oper auf deutschen Boden; er bot vor jedem der 3 inje 6 Scenen geteilten Akte eine mit Generalbaß geschriebene, kurze Ouvertüre(vom DichterAn- oder Gleichstimmung, Symphonie" genannt, für Geige, fürFlöte und zuletzt für Pomparton oder Fagot), ferner strophische (liedartige)Einzelgesänge, Duette, Terzette, Quartette rc. und am Schluß einesjeden Akts einen Chor. Durch den verdienstlichen Versuch, die einzelnen Per-sonen nach ihrer Verschiedenheit musikalisch zu charakterisieren, geht Stadenbereits über die Italiener hinaus, welche sogar an Frauen Männerrollen über-trugen. In der 1. Handlung (Aufzug 4) läßt er die sentimental angelegteSeelewig in Moll singen, dagegen die sinnliche Sinnigunda in Dur antworten;bet der Charakteristik der Gwissulda und der Hertzigild bedient er sich desSoprans und des Alts, ferner gestaltet er die Partie der Hertzigild melodienreich,während die der matronenhaft belehrenden Gwissulda mehr recitativisch-deklama-torisch gehalten ist. Auch der Charakter des schlauen Künsteling, wie der des grob-sinnlichen Trugewalt ist durch die eigenartige Musik gezeichnet. Ferner ist dieArie der Sinnigunda mit Läufen und Koloraturen geschmückt, um das Tirillie-ren und Schmettern der Nachtigall darzustellen; auch der Schmerz der Seelewig istLurch Anwendung des geraden Zeitmaßes angedeutet rc. Viele Partien (z. B.3. Aufz. der 3. Handlung) sind entschieden dramatisch gehalten. Außerdem er-blickt der Kenner einzelne Partien als Ensembles, wie aus den Schlußchören je-des Akts das unsere Oper auszeichnende charakteristische Akt-Finale erwachsen ist.

Als 1678 eine weitere Oper in Hamburg (Adam und Eva, Tert vonRichter, Musik von Kapellmeister Johann Theile, einem Schüler Heinrich Schütz')aufgeführt wurde, erklärte der die Oper verteidigende Hamburger PredigerElmenhorst (vgl. Aug. Reißmann, Allg. Gesch. d. Mus. II 168), daßdieselbe der Stadenschen Oper entspreche: ein Beweis, wie bekannt dieHarsdörfsersche Oper Seelewig gewesen sein muß.

Nach alledem war Harsdörffer (der im 5. Bd. seiner Gesprächsspieleauch noch die alten 7 Kirchentonarren mit den 7 Kardinaltugenden als musikalischeScene darstellt) der Begründer einer deutschen Oper; und der Meister- ngerstadt Nürnberg gebührt durch ihn der Vorzug, für alle Zeitenals Geburtsstätte und Wiege der ältesten, deutsch-nationalen Opergepriesen zu werden.

Mit Errichtung des Hamburger Theaters (1678) wurde Hamburg dieerste Pslegstätte der deutschen Oper. Zur Eröffnung dieses Theaterswurde die oben erwähnte OperAdam und Eva" gewählt. In demselbenJahre (1678) ließ Theile (16461724) die dem Italienischen entlehnte OperOrontes folgen, die bis heute sehr mit Unrecht als die erste deutsche Opervon allen Musik- und Litteraturgeschichten gerühmt wurde.