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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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III

ungen und Feinheiten in den Kunstgriffen nachbildete, wer einsehenlernte, wieviel zu einem guten Gedichte gehört, der wird sich zweifellosernstlich scheuen, dem im Geschmack gehobenen Publikum halbreifeFrüchte aufzutischen.

Viele meinen, daß ästhetisches Fühlen, genießendes Verständnisder Dichter und dichterisches Hervorbringen gar keine besondereSchulung nötig habe, während doch in Wahrheit die Dichtkunst, wennsie es zur Meisterschaft bringen will, die schwerste aller Künste ist,weil sie zur Erfüllung ihrer höchsten Ausgaben eine größere Fülle undDiese lebendigen Wissens und Könnens voraussetzt, als die andernKünste, bei welchen die technischen Schwierigkeiten schon durch derenhandgreifliches Arbeitsmaterial mehr in die Augen springen. Auseinem Marmorblocke eine Göttin oder aus den Farben einer Paletteein schönes Bild hervorzuzaubern, erscheint dem Laien schwieriger, alsaus der unsichtbaren Sprache, die er selbst im Munde führt, ein schönesGedicht zu schaffen; denn er weiß nicht, daß die Sprache einem Dichter,der nicht auf bereits ausgetretenen Bahnen wandelt, ein noch sprödererStoff ist, als dem Bildhauer der härteste Marmor (Bodenstedt). DieVerskunst setzt energische Schulung voraus; sie muß, wie das Zeichnen,das Malen, das Klavierspielen und die musikalische Komposition gründ-lich erlernt und nachhaltig geübt werden. Ohne Anweisung, ohneAbstraktion der Regeln aus den besseren Dichtwerken rc. hätten jaauch die klassischen Dichter gewisse, aus der ältesten Zeit sich Her-schreibende Gesetze der Dichtkunst so wenig geübt, als mancher Dichter-ling unserer Tage oder. die Dichter des 14. und 15. Jahrhunderts.Goethe gesteht, daß seinen Meisterdichtungen recht ernstes Ringen,rücksichtslose Selbstkritik und Belehrung seitens anderer vorausgegangenseien; und Herder ist der Ansicht, daß die Poesie nicht die Domäneeiniger hervorragender Geister sei, sondern einer Gesamtheit, die wirVolk nennen. Friedrich Rückert, dessen Ahnen Bauern waren, hateine unausgesetzte Schulung an sich vollzogen und sich zum klassischenDichter emporgerungen.

Die Poesie ist eben nichts weniger als ein angeborenes Vorrechtvon nur wenigen Menschen. Fähigkeit und Anlage zur Poesie hatder ewige Baumeister aller Welten in größerem oder geringerem Gradein des Menschen Brust gelegt, und es kann daher ein.jeder ohneDichter werden zu wollen ebenso gut einen gelungenen Vers bilden