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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Sprach: Wieder seh ich das bekannteGefieder, das den Winter haßt.

O Schwalben, die ihr Trieb gezogenIn dieses heiße Klima fort.

Aus Frankreich kommt ihr ja geflogen:Sagt ihr von meinem Lande mir keinWort?

Ein Liebeszeichen mir zu geben.Beschwör' ich seit drei Jahren euch;Vom Thale, wo mein stilles LebenSich einst gewieget hoffnungsreich.

Wo eines Büchleins Wellen gehenKlar unter den Springen fort,

Habt unser Hüttchen ihr gesehen;

Sagt ihr von jenem Thale mir kein Wort?

Vielleicht ist euer Ein's geborenAn meinem elterlichen Dach;

Und hörte mit gerührten OhrenDer armen Mutter Schmerzend Ach.Hinsterbend, glaubt sie stündlich, meinenGewohnten Tritt zu hören dort:

Sie horcht, um bitter dann zu weinen.Sagt ihr von ihrer Liebe mir kein Wort?

Mein Schwesterchen, ist es beraten?Habt uns're Jungen ihr gesehn.

Zur Hochzeit allesamt geladen,

In ihren Liedern sie erhöhn?

Und meine jungen Waffenbrüder,

Die mir gefolgt in Tod und Mord,Sah'n alle sie das Dörflein wieder?Sagt ihr von so viel Freunden mir keinWort?

Vielleicht der Fremdling nimmt dieSchritteDurchs Thal, wohl über sie, zurück;Befiehlt als Herr in meiner Hütte,Stört meiner Schwester Eheglück.

Für mich giebt's keiner Mutter Flehen,Nur Sklaverei noch hier und dort;

O, Schwalben, aus der Heimat Höhen,Sagt ihr von diesem Jammer mir keinWort?

Seid mir gegrüßt im fremden Lande,Ihr Vogel, die dem Frost entflohn,

Ihr Schwalben, die ein hold VertrauenMeerüber trieb ins Sonnenlicht!

Gewiß, ihr kommt von Frankreichs Auen,Und sprecht ihr mir von meiner Heimatnicht?

O wollt mir endlich Kunde gebenVom Thal, wo unsre Hütte liegt.

Wo sich zuerst mein dunkles LebenIn goldnem Zukunftstraum gewiegt!Am klaren Bach, um dessen BlinkenSich blühender Hollunder flicht,

Saht ihr das graue Strohdach winken,Und sprecht ihr mir von diesem Thale nicht ?

Vielleicht fand Eine Nest und FutterAm Herd, wo ich zur Welt einst kam;Ihr saht die Sehnsucht meiner Mutter,Saht ihre Lieb' und ihren Gram;

Oft wird sie mich zu hören meinen,

Da strahlt vor Freuden ihr Gesicht;

Sie horcht; dann fängtsie an zu weinenUnd sprecht ihr mir von ihrer Liebe nicht?

Ging meine Sckwester zum Altare?Saht ihr den muntern HochzeitreihnSie führen mit der Myrt' im Haare?Und klang der Burschen Weise drein?Und die mit mir als WaffenbrüderIns Feld gerufen Ehr' und Pflicht,Sah'n sie das Dörflein alle wieder?Und sprecht ihr mir von so viel Freundennicht?

Vielleicht ist rot von ihrem BluteDer Feind gestürmt au unsern Herd;

Er praßt als Herr von meinem GuteUnd hat die Schwester mir entehrt.

Die Mutter starb in Gram und Schande,Und Keiner, der die Fesseln bricht!

Ihr Schwalben aus dem Vaterlande,Und sprecht ihr mir von solchem Jammernicht?"