II
WeunLes Kcruptstück.Selbstkritik und dichterische Feile.
K 91. Angeborenes Genre. Die Selbstkritik der namstastesten
Dichter.
1. Man teilt in vielen Kreisen immer noch die von der sog. Jdentitäts-philosophie ererbte Ansicht, daß dem dichterischen Ingenium die Verse ohneweiteres in vollendeter, glatter Form mühelos entquellen, daß der Dichter sieinfolge höherer Inspiration improvisatorisch — so zu sagen — aus dem Ärmelschüttle u. s. w.
2. Aber wir haben schon mehrfach (z. B. I. 2, 27—32 dieser Poetik,sowie S. 22 der 3. Aufl. unserer „Erziehung zur Vernunft") darauf hin-gewiesen, daß die größten Dichter den angestrengtesten Fleiß auf ihre Schöpfungenverwendest, wenn sie es auch für überflüssig finden, von ihren stillen Mühenzu sprechen.
3. Wir vermögen die Behauptung zu erhärten, daß Lieder von leichten,geringen Formen, oder auch scheinbar flüchtig hingeworfene größere Dichtwerkeder gefeiertsten Dichter aller Zeiten unendlich sorgfältig gefeilt und überarbeitetwurden. (Vgl. S. 275.)
4. Ihr Beispiel möge genügen, dem Anfänger die Notwendigkeit derSelbstkritik und der dichterischen Feile zu illustrieren.
5. Dasselbe möge auch das Verlangen nach festen Normen für die Selbst-kritik begründen, wie wir solche auf Grund gewissenhafter Vergleichung dichte-rischen Materials im Nachstehenden lehren und praktisch nachweisen wollen.
K 92. Normen, Grund!aste, Ratschläge für Selbstkritik und
Feile.
1. Man entwerfe und schreibe („schleudre") das Gedicht hin, wie esnach Maßgabe seiner Veranlagung kommen mag. Je geübter oder talentvollerder Dichter ist, desto weniger wird er zu fürchten brauchen, daß er etwas imBau verfehle.