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2. Zugleich suchen wir die Methode der Feile zu zeigen und die prak-tische Anleitung zu derselben zu bieten.
3. In systematischer Folge führen wir demnach an den besten Beispielen vor:
I. Die Feile an einzelnen Versen und Strophen:
II. Die Feile in Überarbeitung ganzer eigener Gedichte;
III. Die Feile in Überarbeitung fremder Schöpfungen.
94. I. Feile einzelner Verse und Strophen,
a. Schiller.
Aus: ,
Ursprüngliche Fassung.
Erloschen sind die heitern SonnenDie meiner Jugend Pfad erhellt,
Die Ideale sind zerronnenDie einst das trunkne Herz geschwellt;Die schöne Frucht, die kaum zu keimenBegann, da liegt sie schon erstarrt.
Mich weckt aus meinen frohen TräumenMit rauhem Arm die Gegenwart.
Die Wirklichkeit mit ihren SchrankenUmlagert den gebundnen Geist;
Sie stürzt, die Schöpfung der Gedanken,Der Dichtung schöner Flor zerreißt.
So schlang ich mich mit LiebesarmenUm die Natur mit Jugendlust,
Bis sie zu atmen, zu erwärmenBegann an meiner Dichterbrust.
Die Ideale".
Verbesserung und Feile Schillers
Er ist dahin, der süße GlaubeAn Wesen, die mein Traum gebar,Der rauhen Wirklichkeit zum RaubeWas einst so schön, so göttlich war.
Wie einst mit flehendem VerlangenPygmalion den Stein umschloß,Bis in des Marmors kalte WangenEmpfindung glühend sich ergoß.
Beleuchtung einzelner Momente der Feile.
Durch die bessernde Feile haben diese Strophen viel gewonnen. Wennin der ersten Fassung die beiden Bilder der Verse 5 — 8 auscinandersallenund die Verse 9 —12 wenig mehr sind als die Erklärung der vorhergehenden4 Verse, so nimmt der Dichter in der zweiten Bearbeitung die Verse 5—12der ersten Fassung in 4 Verse zusammen, um hierdurch die erste Strophe in-haltlich abzuschließen. Sodann beginnt er die zweite Strophe mit einem neuenBilde, welches die Schlußverse der 2. Strophe zur schönen Geltung kommenläßt und der Strophe selbst durch die Einheit des Bildes einen harmonischenAbschluß verleiht.