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Hunderte an den Hexametern des Homer, welche doch als die volkstümlichstenaller Volksweisen dastehen, fort und fort geschlissen.
Von Art oft ist bekannt, daß er die wundervolle Sprache seines Welt-epos unermüdlich gefeilt und verbessert hat.
Und von Metastasio wird durch seinen Landsmann Casanova mitgeteilt,daß er als Antwort auf die Frage, ob ihm seine schönen Verse viel Mühegekostet hätten, vier bis fünf stark radierte Seiten gezeigt habe, welcheer gebraucht hätte, um vierzehn gute Verse — das höchste Pensum einesTages — zu vollenden. „Dadurch" — so versichert Casanova -— „bestätigteMetastasio eine Wahrheit, welche mir schon bekannt war: daß nämlich die-jenigen Verse, welche einem Dichter die meiste Mühe kosten, geradediejenigen sind, welche die Mehrzahl der Leser leicht hingeworfenhält."
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Den Inhalt und Geist all dieser hervorragenden Muster der Selbstkritikuud der Feile enthält Lessings klassischer, in seiner Nutzanwendung unschätz-barer Ausspruch, den wir — einem Motto ähnlich — über jeder Dichter-thüre in goldenen Lettern erblicken möchten, und mit dem wir daher dasletzte Hauptstück dieses Bandes wie unser ganzes System einer DeutschenPoetik abschließen:
„Veränderungen und Verbesserungen, die ein Dichterin seinen Werken macht, verdienen nicht allein an-gemerkt, sondern mit allem Fleiße studiert zu werden.
Man studiert in ihnen die feinsten Regeln der Kunst;denn was die Meister der Kunst zu beobachten für gut befinden,das sind Regeln!"