Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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I. Formen ruhiger Empfindung.

Das Lied und seine Formen.

tz 49. Begriff und Einteilung.

1. Jedes lyrische, ein sanftes Gefühl darstellende Gedicht, desseneigentliche und ursprüngliche Bestimmung ist, gesungen zu werden,und das man als den lebendigen Poetischen Ausdruck einer individuellenStimmung des Gemüts betrachten kann, nennt man ein Lied.

2. Die erste Form des Liedes war das seit Herder sog. Volkslied.Wir teilen daher die Lieder ein: in Volkslieder und Kunstlieder.

1. Das Lied ist die wesentliche Form und die Blüte aller Lyrik; in ihmist die Individualität und Subjektivität des Dichters am unvermitteltsten aus-geprägt. „Daz liet" war in feiner ursprünglichsten Form eine einzelneGesangsstrophe. Zur Bezeichnung mehrerer Gesangsstrophen bediente man sichdes Plurals „diu liet" (nicht zu verwechseln mit tit ^ Glied).

Vor allen andern Völkern haben die Deutschen den größten Reichtum anherrlichen Liedern auszuweisen. Dies hat seinen Grund teilweise darin, daßder Deutsche die Weisen und Arten vieler fremder Völker abgelauscht hat.

Die Franzosen kennen das eigentliche Lied nicht und haben dafür auchkein Wort, weshalb sie jetzt für diese Gattung das deutsche Wort „Lied" auf-genommen haben.

2. Dem Volkslied stellt sich das Kunstlied gegenüber. Dieses nahmursprünglich die Gestalt des Minneliedes an. Darauf folgte das Meistersänger-lied. Luther pflegte das geistliche Lied, und Spitz gab uns das Lied mitgelehrtem Anstrich: das Sprachlied im Gegensatz zum Singlied.Durch Klopstock erhielt das Lied klassischen Charakter. Goethe war es, welcherdas Lied aus die höchste Höhe hob.

Die strophische Einteilung des Liedes hat bewirk, daß man auch erzählendeGedichte (z. B. das Nibelungenlied und Hildebrandlied rc.) fälschlich als Liederbezeichnet, was vielleicht noch dadurch veranlaßt wurde, daß diese Gedichtegesangsweise vorgetragen wurden, also die rhythmische Form des Liedes hatten.Auch Schillers Lied von der Glocke ist ein didaktisches Gedicht und kein Liedim eigentlichen Sinn u. s. w.

Nach dem ruhigeren oder gesteigerten oder reflektierenden Gemütsausdruckließe sich diese Einteilung auch in folgendes Schema fasten:

L. Lyrik ruhiger Empfindung — Lied, geselliges Lied, geist-liches Lied, und fremde Formen.

1t. Lyrik begeisterter Empfindung — Ode, lyrische Rhapsodie,Dithyrambe, Hymne.

0. Lyrik der Reflexion — Elegisches Lied, Elegie.

Die Einteilung der lyrischen Poesie ist bei den verschiedenen Litterar-historikern je nach den Ausgangspunkten verschieden. Der Ästhetiker Bischer