Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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stände» aus dem verwandle» Naturleben, namentlich aus dem Egoismus, derSinnlichkeit, der List der Tiere."

Obwohl ihrer Form und ihrer Natur nach zu den epischen Dichtungengehörig, vereint'die Fabel wie keine Dichtungsgattung die Zwecke und Teile derdidaktischen Poesie. Unter der symbolischen Hülle des tierischen Instinkts stellt sieihre Lehren als Handlungen der Tiere dar. Diese didaktische Tierfabel ist aus derepischen Tiersage entstanden. Die epische Tiersage beschränkt sich aber lediglich aufTiere, welche ihre Orte wechseln können und durch ihre Art von Sprache und ver-ständigem Urteil zur Übertragung menschlicher Geschichten auf die Tierwelt anreizen.

Später gestattete man der Phantasie größeren Spielraum und führte nebenTieren auch Pflanzen und leblose Gegenstände redend ein. Auf dem Stand-punkt heutiger Bildung dürfen anorganische und andere beliebige Gegenständeder Natur die Stelle der Tierwelt vertreten. Es kann z. B. das Schilfrohr zurBezeichnung der Charakterlosigkeit dienen, die Eiche als Svmbol der Kraft, derSelbständigkeit u. s. w.

Menschen machen in der Fabel die geringste Wirkung, weil sich so leichtdie menschlichen Leidenschaften mit in's Spiel mischen und die naive Anschauungwie die Überzeugung von der Wahrheit verhindern. Man würde auch immererst eine Charakteristik vorausschicken müssen, was bei Tieren mit ihrem bekanntentypischen Charakter und bestimmten Instinkt überflüssig ist, bei dem sogar dieHandlung den Schein einer Notwendigkeit trägt.

Die Erzählung in der Fabel ist nicht eigentliche Absicht, vielmehr ist dieErzählung nur für Vermittlung einer Moral gegeben. Das was die Fabellehrt, beißt ihre Moral. Diese aus der Fabel zu schöpfende Moral (Lehreoder Nutzanwendung) ist oft ihrer Erzählung angehängt. In diesem Fall heißtsie Epimythium - Nachwort), das im Latein regelmäßig ein-

geleitet wird mit buoo täbulu cloest. Ist die Lehre am Anfang ausgesprochen,so heißt sie Promythium.

2. Anforderung. Die Fabel muß einfach, naturgemäß, kurz, anschau-lich, verständlich in Bildern und Sprache, kindlich im Tone sein, damit dasniedere Volk und die Kinderwelt, für welche diese didaktische Volksdichtunggeschrieben zu sein scheint, ihre Moral leicht zu erkennen vermögen. Dasredende oder handelnde Tier muß so gewählt und gezeichnet sein, daß derMensch in ihm seine eigenen guten und bösen Eigenschaften erkennt. Die Be-stimmtheit der Charaktere (z. B. die List des Fuchses, die Treue des Hundes,die Trägheit des Esels u. s. f.) darf von dem Dichter nicht verändert werden.Nur dadurch, daß z. B. der Esel ein Esel bleibt (also nicht etwa den Mutdes Löwen zeigt), bleibt die Fabel naiv, wirklich. Die Fabel will nicht alsAllegorie, sondern als Wirklichkeit aufgefaßt sein. Es sind deshalb nur Regelnund Wahrheiten für da» gewöhnliche Leben, welche in der Fabel ihren Aus-druck finden, weil ja höhere Wahrheiten und tiefe erhabene Regungen desMenschenherzens nicht auf die Tiere zu übertragen sind.

Die Poesie der Fabel besteht nach Götzinger darin, daß der Dichter ineine Sache, die an und für sich nur dem Verstände einleuchten soll, poetischesBey er, Deutsche Poet». II. 11