Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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2. Der Held kämpft gegen das feindliche Schicksal an, wobei er sichselbstverständlich durch äußere Würde und Stärke des Charakters auszeichnenmuß, um eben als Hauptperson zu erscheinen. Andere ihm untergeordnete, ihnunterstützende oder bekämpfende Personen (Nebenhelden) heißen auch die epischenCharaktere. Es ist zulässig, daß zwei oder mehrere Hauptpersonen in demselbenEpos auftreten; aber dann müssen sie in enger Beziehung zur Schlußhandlung(Katastrophe) stehen, diese hindernd oder fördernd. Auch darf durch sie nie dieEinheit (d. i. die Beziehung der Einzelbcgebenheiten, Einzelhandlungen zurHauptperson) verletzt werden. Das Kunstepos hat meist nur eine Hauptperson,das Volksepos mehrere. Schon in Homers Jlias finden wir neben Achillmehrere Helden. Und in der Nibelungen Not fällt zwar die größte Bedeutungaus Siegfried und Kriemhilde; aber auch die übrigen Personen (Dietrich, Hagen,Rüdiger) sind nicht bloße, unwesentliche Nebenfiguren. Haupthelden kann manhier eigentlich keine Charaktere nennen. Siegfried fällt, bevor das Epos zurHälfte vollendet ist. Dietrich tritt erst nach der Mitte desselben auf, seine volleBedeutung erst am Schluß erreichend; von den übrigen imponierenden Helden-gestalten (Kriemhildc, Hagen, Rüdiger) weiß keine einzige unsere Teilnahmeausschließlich in Anspruch zu nehmen, keine vermag die übrigen Personen zubloßen Nebenfiguren herabzudrücken, oder sie in den Hintergrund zuschieben. Vielmehr hat jede Figur ihren eigenartigen, berechtigten Platz, dasInteresse erstreckt sich auf alle gleichmäßig.

In den Charakteren des epischen Dichters muß sich der Charakter ganzerMenschenklassen abspiegeln. Die Charaktere können daher nicht immer sittlicheIdeale sein.

Da von dem Charakter des Helden (oder der Helden) die Begebenheit inihrem Ursprung und in ihren Folgen abhängt, so muß dieser Charakter wahrsein und in seiner Wahrscheinlichkeit durchgeführt werden, womit allerdings nichtgesagt sein soll, daß sich der Dichter nicht direkter und indirekter Idealisierungbedienen könnte, um den Tvtal-Eindruck zu mehren, das Interesse zu heben,die Anschaulichkeit zu beleben, und die Wirkung zu steigern. (Z 27 d. Bds.)

Nicht eine Charakteristik darf der Epiker liefern, aber fertige Charaktere mußer bieten, darstellen. Die alten Epiker haben zur Erreichung dieser Forderungdie fortschreitenden Ereignisse mit fortschreitender Rede ihrer Personen begleitetund neben den Thatsachen den mit diesen verwobcnen Dialog einhergehenlassen, also eine Art dramatisches Element mit ihrem epischen Stoff zu vereine»gewußt, wodurch sie (z. B. in den Schlachtenschilderungen der Jlias, oder inder Nibelungen Not, in Hildebrand und Hadubrand w.) den Charakter außer-ordentlich plastisch wirksam erscheinen ließen.

3. Den leitenden Faden bildet im Epos ein Hauptmoment aus derLebensgeschichte des Helden: die Haupthandlung. Die Wichtigkeit dieserHaupthandlung, welche Einfluß auf das Wohl und Wehe einer Welt habenkann (z. B. in Stoffen wie Sündenfall, Sindflut, Kreuzzüge rc.), berechtigtden Dichter bei allem mit ihr in Beziehung Stehenden zu verweilen, um dieeinzelnen Ereignisse, Situationen und lokalen Verhältnisse, den Ort der Hand-