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IV. Kinkels Otto der Schütz. Dieses Epos erzählt in12 Abenteuern, wie Otto (der jüngere Sohn des Landgrafen Heinrichvon Thüringen) entflieht, weil er Mönch werden soll, wie er denMeisterschuß bei einem Schützenfest am Rhein thut, wie er Dienste beiniGrafen Dietrich nimmt, und zuletzt dessen Tochter Elsbeth trotz Ver-rat und Lebensgefahr gewinnt, sodann Landgraf von Thüringen undHessen wird.
Probe aus „Otto der Schütz".
Erstes Abenteuer.
Die Rheinfahrt.
In klarer Frühlings-Abendpracht,
Wenn schon der Sterne Heer erwacht,
Wenn kühl der Mond im'Ost sich hebt,
Die Flur mit blauem Duft umwebt,
Indes im West des Abends StrahlenDen Himmel heiß mit Purpur malen:
Wenn Nachtigallenschlag erschalltUnd drein im Nachlhauch rauscht der Wald;Wenn aus des Wassers dumpfer SchwüleDer Fisch mit lust'gem Sprung sich schnellt,Und in der weichen SchlummerkühleSo still und heimlich liegt die Welt;
Wenn in der Uferweiden DunkelDer Elfen Chor den Neigen schlingt,
Und aus dem Strom ein leis' GemunkelDer Nixen aus zum Lichte klingt:
Das ist die zauberhafte Stunde,
Wo Tag und Nacht in gleichem BundeDich kränzen mit dem schönsten Schein,
Du Fürst der Ströme, trauter Rhein!
Auf deinem Grund geschmolzen rolltDer Nibelungen rotes Gold;
Das spielt wie Scharlachfeuerglut
erauf ans Licht aus deiner Flut.
ein Stromgott tief zum Schlaf sich neigt,Sein Odem leis nach oben steigt,
Das quillt wie Weißen Silbers Schaum,
Und stickt des Goldgewandes Saum,
Indes vom Ufer BergesschattenDas lichte Blau dem Purpur gatten.
Drum giebt sich Rot und Weiß und BlauAls Rheinlands Farbe stolz zur Schau.
Zu solcher Stunde treibt hinunterIm bunten Kahn ein Bursch, und munterBeschaut er, leis das Steuer regend,Ringsum sich Fluß und Berg und Gegend.Wo ihm ein Turm vom Ufer winkt,Andächtig auf das Knie er sinktUnd spricht ein flüchtiges Gebet;
Doch wo ein hüosches Mädchen geht,
Der wirst er einen raschen Kuß
Zum Strand hinüber von dem Fluß. u. s. f.
So kam er in ein lieblich Land,
Zu beiden Seiten ebner Strand;
Weit ward und breit und tief der Strom,Weit oben auch des Himmels Dom,
Denn rings auf den gestreckten AuenWar nirgend mehr ein Berg zu schauen.
Nur eines Lichtes ward er innenAm Strand, als ständ's auf hohen Zinnen.
Da ward er müd; des Schlafes MachtBefiel ihn um die Mitternacht,
Und drückt ihn mit so schweren Lasten,
Daß er beschloß am Land zu rasten.
Dran mögt ein Wunder ihr begreifen:
Ob wir auch selbst ins Weite schweifen,
Die edle Frau, geheißen Minne,
Lenkt doch die unbewußten Sinne.
Sie war's auch, die mit blei'rnem SchlafDes Knaben Helles Auge traf,
Daß er nicht an des Glückes ThüreMit frevler Hast vorüberführe.ier war es, wo sein Lebensloseworfen lag in Glückesschoß;
Denn jenes Licht, das er geschaut,
Vom Fenster kam's der kttnft'gen Braut,Und Liebe kann des Ziels nicht fehlen,Magst du auch eigne Pfade wählen.
Der Knabe lenkt den Kahn ans Land,Daselbst er dürres Riedgras fand;
Er rüstete sich eine Streu,
Ein Feuer macht' er ohne Scheu;
Den Kahn band er ans Ufer fest,
Und holt vom Hirsche sich den Rest,
Den er gefällt mit MeisterschußErst gestern mitten aus dem Fluß.
Durchs Uferdickicht brach das Tier,
Um aus dem Flusse sich zu tränken;
Schon will es der Geweihe Zierum klaren Spiegel'niedersenken,a zielt der Bursch — mit krauser StirnWill flink der Hirsch zur Flucht sich wenden,Da trifft ihn mitten durch das HirnEin Bolz, geschnellt von sichern Händen;Drei Ellen sprang er hoch und fielDem Schützen, der nicht fehlt sein Ziel.
Der Knabe briet sich heut zum MahlDen Ziemer, und beim MondenstrahlSucht bitt're Kräuter er als Würze.
Ein Blatt ist Handtuch ihm und Schürze,Als Bratspieß dient sein Jägerspeer,
Im Jagdhorn trägt das Kraut er her;
Der Dolch ist gut zum Vorlegmeffer,
Wenn du nur bist ein guter Esser.
Drauf spricht er seinen Abendsegen,
Und ohne weiter ÜberlegenSchließt er zu festem Schlaf in RuhDie beiden hellen Augen zu.
Es knistert noch das Feuer lang,
Der Uhu ruft — er hört es nicht;
Es rauscht der Rhein den Wellenfang,
Die Elfe klagt — ihn stört es nicht.
Denn in der Engel treuer WachtVerschläft er fest die ganze Nacht.