Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Helden ohne leitende Idee. (Man vgl. den bekannten Gil Blas von Lesage^oder den noch bekannteren Simplicissimus von Grimmelshausen.) Gutzkoinbietet in den Rittern vom Geiste zwar keine losen Abenteuer, aber drei nebeneinander herlaufende Ideen. Dies schadet der Geschlossenheit und Übersichtlich-keit des Romans und dehnt ihn unnötigerweise aus. Richardson war der erste,der einen Helden mit nur einer bestimmten Idee einführte.

Die ursprünglich abstrakte Idee wird im Lauf des Romans in eine realeverwandelt (z. B. die abstrakte Idee des Gottesbewußtseins in die reale desreligiösen Bedürfnisses u. s. w.).

2. Die reale Idee muß in das Reich des Schönen, Guten, Wahreneinführen. Dadurch wird sie bedeutungsvoll. Bedeutend ist beispielsweise dieIdee der allgemeinen Bildung (z. B. in Goethes Wilhelm Meister), fernerdie Idee der Sittlichkeit (Spittas Reine Herzen), der materiellenArbeit (Freytags Soll und Haben; Schwach' Arbeit adelt den Mann); dergeistigen Arbeit (Freytags Die verlorene Handschrift); der Ausbildung,des Charakters (Dincklages Tolle Geschichten, und Reuters Ut mine Strom-lid) ; des Volkswohls (Spielhagens In Reih und Glied); der Humani-tät (Auerbachs Landhaus am Rhein); der Religion des Geistes (HeysesKinder der Welt); des Katholizismus (Gutzkows Zauberer von Rom); derHeiligkeit der Ehe (Auerbachs Auf der Höhe); der Macht der Liebe(Brachvogels Falstass); der Begeisterung für Selbstbefreiung derFrau von Eitelkeit, Trägheit und Seelenschwelgerei (L. v. Fran-yois Die letzte Reckenburgerin) rc.

Alle Romane, denen die bedeutende Idee fehlt, sind in ihrer Grund-bedingung verfehlt. Sofern z. B. der humoristische Roman eine bedeutende Ideevermissen läßt, erscheint der Autor lediglich als Spaßmacher, Witzbold, abernicht als planvoller Humorist.

Beim guten Roman muß der Leser die Idee erkennen, er muß sich ausder Ausbreitung derselben das Facit ziehen können, wie es z. B. in Gottw.Müllers Siegfried von Lindenberg recht wohl möglich ist, wo einhalbgebildeter Schulmeister der Ignoranz seines Ignoranten Landedelmannsgegenüber wie ein großer Gelehrter erscheint und so die Vortrefslichkeit undWichtigkeit der Idee der Bildung symbolisiert.

3. Die bedeutende Idee wird immerfort ihre Gültigkeit behalten; sie wirdin jedem Jahrhundert die Berechtigung des Verlangens zeigen, den Geniusder Zeit in einer bleibenden Wahrheit zu erfassen und wiederzuspiegeln, wes-halb z. B. dasjenige Historische, das keinen Nerv unserer Zeit zu erregen ver-mag, ebensowenig zu ihrem Träger werden kann, als das bloße Parteigetriebe.Letzteres giebt einer vorübergehenden Idee Ausdruck, z. B. derjenigen, welchedie Gesetzgebung umstürzen will, wie es Heinse in seinem sonst gut geschriebenen„Ardinghello" thut, wo er Güter- und Weibergemeinschast vorführt; oder welche(vgl. Schlegels bekannte Lucinde) der schrankenlosen Sinnlichkeit das Wort redet,also einer Anschauung huldigt, die niemals als allgemein wahr anerkanntwerden wird.