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nicht in der Tragödie einzutreten braucht, kann man die ewige Gerechtigkeitnennen.
Das tragische Element kennzeichnet die innere Freiheit gegenüber deräußeren Notwendigkeit, die aber keine Naturnotwendigkeit ist, sondernsich als unergründliche Macht des ewigen Schicksals darstellt. Es ist nichtunbedingt nötig, daß der Held stirbt, wenn nur der Totaleindruck ein wahrhafttragischer ist, wenn uns nur das Gefühl erhebt, daß die große sittliche Ideeeine Bestätigung fand. Dadurch, daß der Held sein Leben für Wahrheit undRecht in die Schanze schlägt, wird das Interesse gesteigert und dem moralischenSiege Bedeutung verliehen.
Dieser Sieg macht das Tragische der Idee des Schönen entsprechend; erbewirkt das Gefühl der sittlichen Läuterung durch die Wahrnehmung, daß alleFehltritte, aus welchen die Leiden erwuchsen, eine Sühne erhalten müssen.
Die Tragödie muß so angelegt, sein, daß der Widerstreit von Verhältnissenund Pflichten des Helden den tragischen Ausgang anschaulich herbeiführen. Diewiderstreitenden Verhältnisse verwickeln und steigern sich bis zur Katastropheimmer mehr, bis endlich dieser tragische Ausgang die Lösung wird: „AlleSchuld rächt sich auf Erden." Dieser Gedanke wirkt so gewaltig, weiler unseren sittlichen Begriffen entspricht. Er befriedigt trotz des Untergangsdes Helden. Wer die ihm von der Vorsehung gesteckten Grenzenmutwillig durchbrechen will, stürzt sich in Verhältnisse, diesein Lebensglück vernichten, ja, mitunter seinen Tod herbei-führen: Dies ist die Lehre des Trauerspiels: die Wirklichwerdungjenes in der Menschenbrust liegenden Wunsches, daß der Mensch erntet, waser säet, die sog. poetische Gerechtigkeit.
Der Philosoph des Pessimismus sreilich, Arthur Schopenhauer, will (nachSiebenlist a. a. O. 155 ff.) nichts von dieser poetischen Gerechtigkeit wissen;er nennt sie ebenso Philisterei, wie Kants Postulate eines belohnendenGottes und einer belohnt werdenden unsterblichen Seele. Er meint, daß nurPhilister, welche an moralischem Werte Hiobs vernünftelnden Freunden gleichzu achten seien, die poetische Gerechtigkeit erfunden hätten, damit die Tugenddoch wenigstens zuletzt etwas nütze. Nur im ungenialen z. B. Jssland'schenDrama setze sich die Tugend zu Tische, wenn sich das Laster erbreche. NachSchopenhauer (II. 299 ff.) stellt bloß die glatte, optimistische, protestantisch -rationalistische oder eigentlich jüdische Weltansicht die Forderung einer poetischenGerechtigkeit auf, während doch jeder, der etwas moralisch Ausgezeichnetes leiste,den Lobn dafür abweise (IV. 262). Der wahre Sinn des Trauerspiels seidie tiefere Einsicht, daß das vom Helden Abgebüßte nicht seine Partikularsündenseien, sondern die Erbsünde, d. h. die Schuld des Daseins selbst, denn Calderonhabe recht, wenn er sage: Die größte Schuld des Menschen ist, daß er geborenward. Ja, Schopenhauer, dessen pessimistische Philosophie treffend als philo-sophisches Requiem bezeichnet wurde, bebauptet, daß alle großen Tragiker —Sophokles, Shakespeare, Calderon, Goethe — dem Prinzip der poetischen Ge-rechtigkeit geradezu Hohn gesprochen und sie vernachlässigt hätten. „Was haben