Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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freier, Verantwortungsreicher, als der einer psychologischen Gestaltung wenigfähige typische Held der Griechen, über dessen Haupt stln Schicksal schwebt.

Wir haben für Fatalismus nur Leichtsinn, Unbesonnenheit.

Die Verschiedenheit unserer tragischen Helden wird auch durch unsere christ-liche Anschauung bedingt. Schopenhauer sagt in dieser Beziehung: Wie derstoische Gleichmut von der christlichen Resignation von Grund aus sich dadurchunterscheidet, daß er nur gelassenes Ertragen und gefaßtes Erwarten der un-abänderlich notwendigen Übel lehrt, das Christentum aber Entsagung, Aufgebendes Wollens: ebenso zeigen die tragischen Helden der Alten standhaftes Unter-werfen unter die unausweichlichen Schläge des Schicksals, das christliche Trauer«spiel dagegen Ausgeben des ganzen Willens zum Leben, freudiges Verlassender Welt, im Bewußtsein ihrer Wertlosigkeit und Nichtigkeit. Es würde sichhienach die Wirkung des antiken zu der des modernen Trauerspiels zwar nichtvöllig, aber doch beiläufig wie der Wert einer negativen zu dem einer positivenGröße stellen. (Vgl. Siebenlist a. a. O. .42.)

4. Die Anschauungen der Griechen von dramatischer Vollkommenheit mußtenauch aus inneren Gründen von den unsrigen abweichen. Bei ihnen findetman allenthalben Heroismus, heroische Sujets, der Schwerpunkt ihrer Kata-strophen fällt in die Staatsidee, in den Staatszweck, während bei uns dieLiebe und die Liebesintrigue als ein Hauptmotiv der Tragödie eine große Rollespielt. Bei den Griechen hatte das Weib eine untergeordnete Stellung, währendes uns ebenbürtige Genossin ist, so daß unsere Tragödien eine Reihe hoch-erhabener Frauencharaktere ausweisen. Wie somit die Griechen die modern-ideale Liebe (die Geschlechtsliebe) als treibendes Moment in der Tragödie nichtbenützen konnten, so würden sie auch eine Tragödie nicht anerkannt haben, inwelcher diese modern-ideale Liebe das belebende Agens gewesen wäre.Gebrochene Herzen aus verschmähter Liebe würden ihnen eben geradezu unver-ständlich gewesen sein. Allerdings hat Euripides in der Alkestis und im Hippolyteine zärtliche Gattin und ein Weib im Kamps mit Unschuld und sinnlicherLeidenschaft vorgeführt; aber die Behandlung und dichterisch leidenschaftlicheEntfaltung unterscheidet sich doch grundwesentlich von unserer modern-deutschen,aus dem Christentum erwachsenen Behandlungsweise.

Die Griechen besaßen große Helden mit einer gewaltigen Leidenschaft; icherinnere an den zürnenden Achill, den rasenden Aias, die rachebrütende Elektra(7r«lft«r er kürn^r), die alles der Pietät opfernde Antigone, die

rachesüchtige Medea rc.; aber sie besaßen aus dem obigen Grund keine Liebes-helden, keinen Romeo, keine Julia. Siebenlist (a. a. O. S. 424) sagt: VonÄschylos darf man behaupten, er habe nicht ohne volles Bewußtsein von dengewöhnlichen erotischen Stoffen keinen Gebrauch gemacht. Wenigstens rechneter es sich bei Aristophanes sogar zum Verdienst an, niemals ein liebendes Weibauf die Bühne gebracht zu haben. Dafür schildert er eine Abart der Liebe,die, mag sie auch ihrer ideellen Seite nach nichts Bedenkliches haben, gleichwohlimmerhin etwas Fremdartiges an sich trägt, das dem modernen Menschen selbstdurch Paul Heyses Tragödie Hadrian, in welcher das Verhältnis dieses edlen