bewundere, (sagt Manso, dem wir hier folgen), eine deutsche Jphigenie, ichsetze sie ohne Bedenken weit über die griechische, ich glaube, so würde der philo-sophische Euripides geschrieben haben, wenn er in unseren Tagen gelebt hätte,aber diese sanft gehaltenen Charaktere, diese feineren Schattierungen der Leiden-schaft, dieser hohe Adel in den Gesinnungen, diese gedankenschweren Sentenzen,diese so abgemessenen Verse sind nicht für die trägen Herzen und blöden Augenund dicken Ohren des Volks."
Ich für meinen Teil zweifle nicht an der, wenn auch zukünftigen volks-tümlichen Bedeutung und Bestimmung von Kunstwerken, die das Volk auf deraugenblicklichen Bildungsstufe schwer versteht.
6. Endlich sind unsere Helden menschlicher, als die der Griechen, wasmit unserer nationalen und religiös sittlichen Bildung zusammenhängt. Mensch-lichkeit, Toleranz, Versöhnlichkeit rc. sind Charaktereigentümlichkeiten unserer, diestilleren Tugenden des Herzens pflegenden Nation geworden; den Griechenzeichnete eine exponierte Vaterlandsliebe aus, die ihn zur Tapferkeit, zur Härte,ja, zur Grausamkeit führte. Wenn nun die Tragödie die poetische Zeichnungdes wirklichen Lebens einer bestimmten Zeit ist, so bedingt das die Verschieden-heit unserer und der griechischen Charaktere. Eine dem Feinde die Augen aus-bohrende Hekuba, ein Orest und eine Elektra, die kalten Herzens über den Tobder Mutter zu Rat gehen, endlich eine Frau als Opferschlachterin rc. würdenbei unserer Anschauung geradezu widerlich wirken und dadurch unmöglich sein.
Freilich hatten es die griechischen Dichter insofern leichter, als sie durch denbequemen Fatalismus den größeren Teil der Schuld ihrem tragischen Heldenabnahmen und den Gestirnen zuschoben. Ihr unglücklicher Held konnte aufTeilnahme rechnen trotz seiner unnatürlichen, menschenunwürdigen Handlungs-weise. — (Orestes, der die Mutter töten muß, erregte Mitgefühl, denn derGott hat ihm ja seine That befohlen und die Unterlassung mit furchtbarer Strafebedroht u. s. w.)
7. Während wir mit Aristoteles den Vorzug unter den Trauerspielen desSophokles dem König Ödipus geben, haben die Griechen den Preis derin Anlage und Ausführung weit geringeren Antigone zuerkannt, so daß die-selbe 32mal aufgeführt wurde und dem Dichter als Lohn für die Festauf-führung, welche eigentlich gottesdienstlich war, die Befehlshaberstelle über dasnach Samos befehligte Heer eintrug.
Den Wert einer Tragödie bestimmte bei den Griechen (wie das vor-stehende Beispiel zeigt) vorzugsweise die Ausnahme und das Interesse desPublikums.
Für unsere Beurteilung ist diese Aufnahme zwar auch nicht unwesentlich,doch ist sie nicht in der obigen Weise maßgebend. Unsere Anforderungen sind-andere geworden nicht nur hinsichtlich der Technik, sondern besonders was unsereheutigen Begriffe von Sitte, Tugend und die durch das Christentum ausge-bildete und vervollkommnete Sittlichkeit betrifft. Wir würden z. B. eine Tra-gödie mit unsittlichen Tendenzen zu verwerfen haben und wenn sie den be-geistertsten Beifall des Theaterpublikums finden würde. Die griechische Tragödie