Dies ist die gleichsam pädagogische Bedeutung unsererArbeit.
Ein namhafter Dichter hat einmal geäußert, daß niemand aufpoetischen Gebieten mitzusprechen berechtigt sei, der nicht die Praxismit der Theorie verbunden habe. Wir setzen hinzu: Nichts Vollen-deteres könnte es geben, als eine Nation, in welcher jeder Gebildetehierbei mitzusprechen vermochte, in welcher jeder seinen Vers ebensozu bilden verstünde, wie seinen Prosaaufsatz; dann würde das Dilet-tantische nur geringe Verbreitung finden; dann würden die wirklichbedeutenden Dichter, getragen von der höheren ästhetischen Mittelbildungder Nation, in Wahrheit Leitsterne des Jahrhunderts sein! —
Hiermit kommen wir auf unsere Übungen selbst zu sprechen.Schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis wird darthun, daß wirallen Rhythmen, Strophen, Formen, Gleichklängen, Dichtungs-gattungen rc. unsere Beachtung zuwandten. Wir haben eine systema-tische Folge vom einfachen Iambus bis zu den schwierigsten deutschnationalen und fremden Strophenbildungen eingehalten und den Weggezeigt, den der zur Selbständigkeit geführte Kunstjünger zu wandelnhat. Überall schickten wir die präzise Anleitung und die praktischenVorschriften und Winke über Gesetze und Regeln voraus, so daß derSchaffende nicht erst die Handwerksvorteile mühsam zusammenzusuchenoder zu abstrahieren braucht; überall bahnten wir eine Anleitung zurKritik an und suchten die Voraussetzungen für das eigene dichterischeSchaffen zu formulieren oder die Regel aufzustellen.
Aber auch die Bildung und Behandlung aller jener Formen derLyrik, Didaktik, Epik und Dramatik haben wir gezeigt, welche irgendeine Schwierigkeit in der Technik bieten, oder deren Handhabungbesondere Kunstgriffe beansprucht. Jene wenigen Dichtungsgattungen,welche in ihrer äußeren Form nicht von den in diesem Bande behan-delten abweichen, konnten um so eher weggelassen werden, als wir daspräzise Maß wahren mußten. Auch übergingen wir einige stofflichumfangreiche Gattungen, deren Technik und Bau mit allen ihren Fein-heiten bereits in den betreffenden Paragraphen der beiden ersten Bändedieser Poetik abgehandelt sind, so daß auf diese erschöpfende Quelleverwiesen werden kann.
Alle Handgriffe im Aufbau der prosaischen Gattungen (Romanund Novelle) wurden mit einer wohl in allen Litteraturen ohne Bei-