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9. Der Charakter des Stoffes wird Rhythmus, Versmaß, Strophenschema(wie wir dies in den Aufgaben dieses Hauptstücks zeigen werden) meist von selbstergeben. Der Lernende muß aber darnach wohl prüfen, ob nicht durch Ver-längerung oder Verkürzung eines Verses oder einer Strophe, durch veränderteReimstellung rc. rc. dem Gedichte eine größere Wirkung verliehen werden kann.
10. Und wenn dies bei Einer Strophe nötig geworden, muß er daraufachten, wie er es bei den andern auch so mache, ohne daß der Leser etwasvon Überarbeitung merkt.
11. Je strenger die gewählte Form und je enger die Strophe ist, destobesser wird sie für die Übung sein. Wenn der Dichter nur wenig Raum hat,so wird er Las Überflüssige (oder doch nicht Notwendige) wegwerfen lernenund bald sehen, wie nüchtern ist, was er behielt. Er wird es ausschmückenwollen und es dabei nach allen Seiten drehen und wenden, bis es klappt.
12. Die dichterischen Erwägungen, Ausschmückungen, Wendungen rc.brechen sich erst beim Versifizieren Bahn.
13. In der Ausführung soll der Lernende seiner Phantasie freien, vor-wärtsdrängenden Spielraum lassen, sofern er von dem Grundgedanken und demZiel seines Vorwnrfs nicht abweicht.
14. Die praktische Antwort auf die Frage: Wie entsteht ein Gedicht?bieten die nachstehenden Aufgaben mit ihren Lösungen, die nicht durchweg alsMuster oder Schablonen ausgefaßt werden dürfen, wohl aber als instruktiveBeispiele für die Technik, wie sie vom pädagogisch unterrichtlichen Standpunktkaum besser zu wählen sein möchten.
15. Selbstredend müssen wir uns nach und nach immer mehr daraufbeschränken, das zu Übende lediglich andeutungsweise und im großen Umrißzu bieten, um allmählich zur selbständigen Produktion überzuleiten.
16. Für Diejenigen, welche durch unsere bisherigen praktischen Übungennoch nicht die erforderliche Fertigkeit im Bilden der Formen erlangt haben sollten(so daß sie bei unserer nunmehrigen Bevorzugung des Inhalts und Beschränkungauf denselben auch noch mit erheblichen Formschwierigkeiten zu kämpfen haben,vgl. S. 136 Ziff. 5), wiederholen wir die Forderung: behufs Vertiefungin der Technik noch inne zu halten und insbesondere folgendeFormen bis zur Geläufigkeit zu üben:
g.) Das antike Distichon (Epigramm in 2 Zeilen);k) das italienische Ritornell (Dreizeile);
o) die Vierzeile (a b a b oder g, b b n in losen Einfällen nach Artvon Rückerts Vierzeilen oder Halms Meinungen und Stimmungen);ä) die Achtzeile in allen Formen (vgl. H 41);s) das Sonett in den Hauptformen (also petrarkisch, spencerisch,shakespearisch);y das Ghasel (8 21);b) das Triolett und das Rondeau (H 44).
Dies wären die bekanntesten Formen, welche schon in Einer Strophe dasganze Gedicht geben.