Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Die Liebe wünsch' ich für dein reines Herz,

Sie wahre dich vor Leiden und vor Schmerz;

Die Hoffnung wünsch' ich, die in Lieb' erglüht,

Daß sie dein Blumenleben reich umblüht;

Den Glauben auch aus Gute, Schone, Wahre,

Als Führer durch die Reihen deiner Jahre: ^

Ja, Glaube, Liebe, Hoffnung sei'n vereint,

Dann ist's des Glückes Sonne, die dir scheint.

Und ihre Strahlen leuchten hell und klarDir freundlich bis zum letzten Lebensjahr.

b. Bildung eines Trinkspruchs.

1. Der poetische Trinkspruch beschränkt sich in der Regel auf einePerson, auf eine die Stimmung charakterisierende Personifikation, oderauf einen naheliegenden, humoristisch zu behandelnden Gegenstand; erbeleuchtet seinen Stoff von allen Seiten, um — ähnlich wie diePriamelform — Vordersätze als Prämissen für die Pointe zu gewinnen.

Zuweilen erweitert sich der Trinkspruch zu einem mehrstrophigenGedicht, indem der Dichter von irgend einer Thätigkeit oder einemVorzüge ausgeht, um im weiteren Verlauf durch geschicktes Heranziehenverwandter oder steigerungsfähiger Momente eine Person auszuzeichnenoder zu besingen. Immerhin bleibt er eine Art Epigramm. ^

2. Wir veranlassen im nachstehenden einen Trinkspruch aufGoethe's Geburtstag. Der Stoff mag sich folgendermaßen aufreihen:

Stoff. Wenn auch Goethe im Grabe ruht, so lebt er doch. Andereaber, welche tot sind, scheinen zu leben; sie bewegen sich undscheinen mit Sorgen zu kämpfen. Goethe ist durch eine Kluft vonallen Sorgen geschieden. Er lebt und wirkt, da wir streben ihm nach-zuringen. Wir trinken darauf, daß unser Streben gelingen möge.

3. Selbstredend ist bei einem, die Unterhaltung belebenden Trink-spruch nur der jambische, oder — bei größerer Lebhaftigkeit — derjambisch-anapästische Rhythmus angezeigt.

4. Die längere Reihe und der feierliche Charakter des Stoffsweisen auf den Quinar und auf die Oktavenform hin.

Lösung. (Oktavenform.) Von A. v. Chamisso.

Ich sag' euch, Goethe lebt, ob in der Gruft,

Und viele Tote scheinen nur zu leben. *

Sie regen sich und atmen Gottes LuftUnd scheinen vielen Sorgen hingegeben.

Ihn trennt von allen Sorgen eine Kluft,

Er lebt und wirkt und schafft, da andre streben,

Da wir, wie er zu leben, streben, ringen;

Ein Glas darauf: es mög' uns auch gelingen!