zubringen. Hingabe an den Dichter des Originals muß auch bei der Aus-schmückung leitendes Gesetz bleiben.
22. k. Nachahmung der Manier.
Aus dem angegebenen Grunde ist es bedenklich, bei Übersetzungen einesfremden Dichters die Manier eines deutschen Dichters nachahmen zu wollen,und wenn es auch der höchste wäre. (Man vgl. als Beispiel von Leinburg
Lüttgendorsi-Leinburgs, der in seiner sonst wertvollen Übersetzung derFrithjofsage die metaphorische Sprachweise Jean Pauls als Ziel sich vorsetzte.)Nichts häßlicher als eine affektierte, auf Stelzen einherschreitende, manierierteÜbersetzungsweise! Hiermit ist natürlich nicht die Manier des Originaldichtersgemeint. Diese ist in der Übersetzung allerdings zu berücksichtigen. Nicht bloßin den Worten, sondern in ihrer Behandlung liegt oft ein gewaltiger Unter-schied bei derselben Versart und bei derselben Dichtungsart rc.
23. Außer den obigen wesentlichen Forderungen kommen bei einzelnenÜbersetzungen noch verschiedene Momente und Fragen in Betracht, die derÜbersetzer je nach dem einzelnen Fall sich beantworten muß und wofür all-gemeine Vorschriften nur schwer zu abstrahieren sind. Solche Fragen sind bei-spielsweise: Was ist mit obscönen Stellen zu beginnen? In dem einen Zeit-alter ist etwas anstößig, während ein anderes gewisse Dinge ohne Anstandpassieren läßt. Dürfen Auslassungen obseöner Stellen, die doch vom päda-gogischen wie vom ästhetischen Standpunkte dringend anzuraten sind, alsFälschungen betrachtet werden, oder sind jene Übersetzungen vorzuziehen, die schonauf dem Titel den Vermerk tragen : Oinissis omnibns üs ioois, gut unrssoustus iu.vsntu.tis luscksrs xossint? (Deutsch: Mit Weglassung aller jenerStellen, welche die Ohren einer keuschen Jugend verletzen könnten?) Genügt es,zu sagen, man müsse Anstößiges z. B. bei einem Shakespeare mit in den Kaufnehmen? Ist es noch eine Übersetzung zu nennen, wenn man dergleichen Dingeverschleiert, oder sind Auslassungen gestattet, wie sie sich z. B. Katsch in seinerverdienstlichen Übersetzung der Ovidschen urs -rmunäi erlaubte?
Wie ist es mit den Metaphern zu halten?
Wenn das betreffende Bild des Originals in der Übersetzersprache fehlt,dürfen wir zu dem prosaischen Auskunstsmittel greifen und den Sinn desBildes umschreiben, oder sollen wir — was offenbar das Bessere sein möchte— zunächst zu einem verwandten Bilde greisen? u. s. w. u. s. w.
24. (Lxsinxlu äoosnt.) Man kann oft von Übersetzern sehr viel lernen,sofern man Einblick in ihr Thun gewinnt. Man lese z. B. Laube's „Catovon Eisen", der nach der Idee eines spanischen Stückes geschrieben ist. Umzu beweisen, daß er nicht mehr als die Idee benützte, ließ er von der Tochterdes bekannten Romanisten Wolf in Wien das ganze Stück übersetzen und schloßes seiner Arbeit an. Auf Faust Pachters Rat und mit Billigung FriedrichHalms, der diese Übersetzerin in Vorschlag gebracht hatte, entschloß sich dieselbe:
1. die poetische Stimmung durch Beibehaltung des Verses zu gewinnen;
2. die nationale Stimmung durch Beibehaltung des nationalen Verses derSpanier, des trochäischen Viertakters, wiederzugeben; 3. die Treue der Über-