Satyren oder Straff-Gedichte. 441
ii, Den Vorhang der Verschwiegenheit. Begehrt ihr ja ein neu
Exempel,
h So seht aufRacondinenö Tugend, die als ein Phönix unsrer
Zeit
Bey so viel Hauß-und Wirrhschaffts-Sorgen dem Kummer
stets die Spitze beut;
« Sie hat auch wohl ihr heimlich Creutz und muß sich in viel
Köpffe richten,
n Sie pflegt, sie liebt den blöden Mann, den viele schwere Fälle
sichten;
h» Sie rächt sich an dem groben Neide mit Wohlthun h öfflich und
galant,
§ Weiß Groß- und Kleinen zu begegnen, und beut den Armen
Hülff'undHand,
ii. Und sucht dabey kein ander Lob, als Feind und Hertzen zu ge,
winnen,
« Und daher stöhrt ihr auch kein Gram die allzeit aufgeräumten
Sinnen.
i| So sprach die Rlugheir zum Beschlusse. Di-e Liebe setzte diß
noch bey:
» Folgt, Töchter, diesen göldncn Sprüchen,und seht hernach, wie
wohl euch sey,
i Die Frucht der Tugend und den Crantz aus meinem Schoosse
zu empfangen.
ii Zwo Seelen haben einen Wunsch, ein Hertz, ein Dencken, ein
Verlangen;
r , Sie sind zwo Saiten einer Laute, die Lust und Neigung gleich
gestimmt;
if Ihr Feuer zärtlicher Gemüther, das ohne Rauch und Ende
glimmt,
n Verblendet stets den scheelen Neid, und wirfft den Schatten-
aufdie Mängel,
»i Die eins am andern bald gewohnt. Er ist ihr Schatz, sie heißt
sein Engel.
li Streit, Argwohn, Eigennutz und Klagen streut keinen Mehl«
thau aufdie Frucht,
i- Die jedes auf des andern Lippen mir brünstiger Umarmung
sucht.
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