Band 
[Erster Band]
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ihm verargen, für die er seine Schlachten schlug. Indemer beweisen wollte, daß die Franzosen kein Recht hätten,ihre tragische Bühne als die erste der Welt zu preisen,kam er zu dem Ausspruch, daß die Franzosen gar keineTragödie hätten. Lessing hat vollständig den nationalenKern der französischen Trauerspiele verkannt. Er machtsich lustig über die „Scheusale" von Weibern, die Corneillemit einer gewissen Vorliebe schildert, ohne zu ahnen, daßdie Zuschauer Corneille's in den Damen und Prinzessinnender Fronde die leibhaftigen Vorbilder dieser Gestaltensahen. „Polyeucte" erscheint dem Hamburger Drama-turgisten, der wie sein Jahrhundert von Märtyrern >undHeiligen nicht sehr viel hält, zum Helden einer Tragödiewenig geeignet; aber eine Zeit, die von christlichen An-schauungen erfüllt war, die fort und fort über das Ge-heimniß der göttlichen Gnadenwirkung grübelte, mußteoffenbar ganz anders darüber urtheilen. Diderot's „Haus-vater", den Lessing so bewundert, würde aus Shakspeare'sBühne ausgelacht worden sein. Calderon's „Andacht zumKreuz" würde den tiefsten moralischen und ästhetischenWiderwillen Lessing's erregt haben: in Spanien war sieeines der beliebtesten Theaterstücke.

Das Drama ist an gewisse nationale Eigenthümlich-keiten und Anschauungen gebunden, von der Richtung undden Strömungen der Zeit bestimmt, gegen die eine abstractoästhetische Kritik nicht aufkommen kann. Leicht genug lassensich die griechischen Tragödien als Muster hinstellen: siebewegen sich in großen, knappen Linien, in fest umschrie-benen Formen, von der Feuerprobe der Darstellung bleibensie befreit und sieht man sie einmal auf der Bühne, soüberwiegt der Eindruck des Seltsamen, Alterthümlichen