72 '
gehaltener auftreten und erst allmählig in die zornigeLeidenschaft hineinwachsen.
Sonnabend, den 25. Februar 1865: Prinzessin Mont-pensier. Schauspiel in fünf Akten von A. E. Brachvogel.
Oft schon ist die Frage erörtert worden, welche Gewaltder Dichter über historische Thatsachen und bestimmte Cha-raktere habe, welche nicht. Erörtert, sage ich, entschiedennicht. Denn in den Tagen unserer klassischen Literatur,als Lessing seine „Hamburger Dramaturgie" schrieb; alsspäter die historischen Dramen Goethe's und Schiller'sauf der Bühne erschienen, war von einer Geschichtsfor-schung und Geschichtskenntniß, wie sie in der Gegenwartselbst in weiteren Kreisen verbreitet ist, überall nicht dieRede. Welche Quellen standen denn Schiller für seinen„Don Carlos" zu Gebote? Er hatte schwerlich je einenBrief des Prinzen oder Don Philipp's gelesen. Dasungefähre Bild einer Persönlichkeit, die Thatsachen, wiesie schattenhaft, sagennmhüllt ein Geschlecht dem andernüberliefert hatte, dienten dem Dichter zum gefälligen, nach-giebigen Stoss für seine Erfindungen und Gedanken. DerCharakter der Helden wurde so wenig bewahrt, wie dieBestimmtheit der geschichtlichen Thatsache. Wie gering istdie Aehnlichkeit der wirklichen und der Schiller'schen MariaStuart! Wie ganz anders vollzog sich ihre Hinrichtung,als Schiller sie uns schildert! Dürfte heute noch ein DichterOliver Cromwell, den großen Protector Englands, alseinen heuchlerischen, bäuerischen Rünkespinner darstellen?Eine Auffassung, der Walter Scott anhing und die selbstin Dahlmann's „Englischer Revolution" noch leise nachklingt.