Band 
[Zweiter Band]
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neunundzwanzigsten Jahre; ein energischer Wille kam ihrzu Hülfe, in beruhigter Leidenschaft konnte sie das Maß,das sichere Kunftverständniß gewinnen, in dem der Angel-punkt ihrer Schöpfungen wie ihrer Wirkung überhaupt zusuchen sein wird. Fünfzig Jahre unermüdlich thätig —erst im November 1863 ward sie pensionirt — in denverschiedensten Rollen, von dem Landmädchen, das sie zu-erst gespielt, zur Antigone und Phädra hinaufsteigend,hat die Künstlerin ein thatenreiches Leben geführt, aufdie Entwickelung des Berliner Theaters wie auf den Ge-schmack des Publikums den unmittelbarsten und tiefstenEinfluß geübt. In ihr war, wenigstens für Berlin, dietragische Muse verkörpert. Denen, die sie am 3. Mai1862 im Opernhause das Parzenlied der Goethe'schenJphigenie sprechen hörten, wird es unvergessen wie einSchwanengesang im Ohre klingen. Einer, von E. Gerber,bei Gelegenheit ihres Jubiläums geschriebenen Skizze ent-nehme ich die interessante Notiz, daß Auguste Crelingerauf unserer Bühne 372 Rollen dargestellt, die meistenWiederholungen erfuhren Donnch Diana (79), Herzoginvon Marlborough (67), Eboli (63), Gräfin Terzky (63),Orsina (59), Lady Milford (54), Maria Stuart (46),Jungfrau von Orleans (44), Shakspeare's Julia (40):die Jugend wie das Alter sind gleich in dieser langenReihe vertreten, Rosen bot ihr die eine, Lorbern dasandere.

Die Kunst des Schauspielers gilt für die vergänglichstevon allen Künsten; mit dem Augenblick geboren werdenseine Schöpfungen dem Augenblick zum Raube. Auch dergeübteste Schauspieler ist nicht immer Herr feiner Er-regung, ein körperliches Leiden, eine seelische Verstimmung