Band 
[Zweiter Band]
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könnte jedet Tag solche Briefe bringen, nein, längst hatsie den Brief gelesen, sie kennt ihn auswendig, Wort fürWort, wie Shylock seinen Schein, und sie blickt nur in diePergamentrolle, um sich immer von Neuem zu überzeugen,daß sie richtig gelesen hat, daß sie wache, nicht träume.Schon ihr Kostüm: weißes Oberkleid, darunter sichtbarein breiter, goldgestickter Saum des gelblichen Unter-gewandes, im Haar einen weißen Schleier befestigt —entbehrte jeder nationalen oder charakteristischen Be-stimmtheit. Wie ließ schon das Gewand der Miß At-kinson, die ich mit Phelps im Frühjahr 1859 aus demFriedrich-Wilhelmstädtischen Theater spielen sah, schwarzüber roth, ein Dunkles in dieser Frau ahnen! .DenMonolog: „Kommt an, ihr Morddämonen; entweiht michhier!" sprach Signora Ristori kraftvoll, aber mit denwildesten Handbewegungen, als könne sie die Nachtgeisteretwa an dem Zipfel ihres Kleides fassen, während doch dasGanze ein innerlicher Vorgang ist. Von ihrer Liebe znMacbeth keine Spur, Alles kühl, höflich, Convenienz-Ehe.Das Fortgeißeln seiner Bedenklichkeiten mit ihrer tapferenZunge, da es nicht durch ihre Neigung zu ihm geadeltwurde, war die Rede einer Furie, obgleich der Künstlerinauch hier nachgerühmt werden muß, daß sie stets dieGrenze der Schönheit innehielt. Ein klassischer, plastischerZug geht durch ihre Darstellung, der nur leider gar nichtzu der Zeit und dem Charakter der Lady stimmt; sie istja nicht eine griechische Klytämnestra, sondern eine schot-tische Edelfrau. Der romanische Geist erfaßt die Nebel-welt nicht, in der nicht allein die Hexen Shakspeare's,in der auch Macbeth und die Lady leben. Die Scenenim Schloßhofe, bei der Ermordung Duncan's, mit Macbeth's

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